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2014-05-26

Gedichte von T. Fontane: Der Kranke (24)




Der Kranke

Die Natur ist auferstanden;
Frühling hat die weite Welt
Freigemacht aus Todesbanden,
Das auch sie die Ostern hält;
Aus dem Sonnenherzen sprießet
Wieder neue Lebensglut,
Durch der Erde Adern fließet
Wieder Bach- und Stromesblut.

In des Auges blauem Himmel
Spiegelt sich der Erde Glück,
Und der Vögel bunt Gewimmel
Gibt die Sprache ihr zurück;
Wenn sie atmet, weht's wie Düften
Jener Rosen durch das Land,
Die sich schlingen um die Hüften
Ihr - ein purpurn Gürtelband.

Frühling ist's! und süße Triebe
Sprießen in der ganzen Welt;
Frühling ist es, wo die Liebe
Ihren Siegeseinzug hält;
Frühling ist's, der schwachen Kranken
Seiner Liebe Grüße schickt,
Wenn am Fenster - Epheuranken,
Und die Schwalbe daran pickt.

Einem solchen bringt die Sonne
Heut des Frühlings Liebesstrahl,
Und des Daseins süße Wonne
Fühlt der Kranke noch einmal;
Und die Lust, die er empfunden.
Treibt ihn, im Gebet zu flehn:
„Gott, o laß mich doch gesunden
Und den lieben Frühling sehn!"

Sieh, da wölbt das enge Zimmer
Plötzlich sich zum Himmelsdom,
Und der Mond, im Silberschimmer,
Schwimmt auf dem azurnen Strom,
Um den Kranken blüht ein Garten,
Drinnen Blumen überall,
Sylphen, Elfen - sein zu warten -
Und das Lied der Nachtigall.

Und die Blumen und die Elfen
Duften, singen all ihm zu:
„Kranker Knabe, dir zu helfen,
Braucht es tiefer, tiefer Ruh;
Siehst du dort den Baum des Lebens? -
Wer dort schlummert eine Nacht,
Nimmer hoffte der vergebens.
Das gesund er auferwacht."

Immer lauter hört er's mahnen.
Er empfindet - wie im Traum -
Eines höhern Daseins Ahnen,
Und er eilt zum Wunderbaum.
Ruhend sanft in seinem Schatten,
Um ihn her des Frühlings Reich, -
Sahn die Seinen ihn ermatten.
Bis die Lippen todesbleich.

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