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2014-05-14

G.Heym- Gedichte: Die Irren 1 (17)




Die Irren I

Papierne Kronen zieren sie. Sie tragen
Holzstöcke aufrecht auf den spitzen Knien.
Und ihre langen, weißen Hemden schlagen
Um ihren Bauch wie Königshermelin.

Ein Volk von Christussen, das leise schwebt
Wie große Schmetterlinge durch die Gänge
Und das wie große Lilien rankt und klebt
Um ihres Käfigs schmerzliches Gestänge.

Der Abend tritt herein mit roten Sohlen,
Zwei Lichtern gleich entbrennt sein goldner Bart.
In dunklen Winkeln hocken sie verstohlen
Wie Kinder einst, in Dämmerung geschart.

Er leuchtet tief hinein in alle Ecken,
Aus allen Zellen grüßt ihn Lachen froh,
Wenn sie die roten, feisten Zungen blecken
Hinauf zu ihm aus ihres Lagers Stroh.

Dann kriechen sie wie Mäuse eng zusammen
Und schlafen unter leisem singen ein.
Des fernen Abendrotes rote Flammen
Verglühen sanft auf ihrer Schläfen Pein.

Auf ihrem Schlummer kreist der blaue Mond,
Der langsam durch die stillen Säle fliegt.
Ihr Mund ist schmal, darauf ein Lächeln thront,
Das sich, wie Lotos weiß, im Schatten wiegt.

Bis leise Stimmen tief im Dunkel singen
Vor ihrer Herzen Purpur-Baldachin,
Und aus dem Äthermeer auf roten Schwingen
Träume, wie Sonnen groß, ihr Blut durchziehn.



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