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2014-05-22

Klassik-Naturlyrik: F.Hölderlin: An die Natur (4)



F.Hölderlin

An die Natur

Da ich noch um deinen Schleier spielte, 
Noch an dir, wie eine Blüte hing, 
Noch dein Herz in jedem Laute fühlte, 
Der mein zärtlichbebend Herz umfing, 
Da ich noch mit Glauben und mit Sehnen 
Reich, wie du, vor deinem Bilde stand, 
Eine Stelle noch für meine Tränen, 
Eine Welt für meine Liebe fand,

Da zur Sonne noch mein Herz sich wandte, 
Als vernähme seine Töne sie, 
Und die Sterne seine Brüder nannte 
Und den Frühling Gottes Melodie, 
Da im Hauche, der den Hain bewegte, 
Noch dein Geist, dein Geist der Freude sich 
In des Herzens stiller Welle regte, 
Da umfingen goldne Tage mich.

Wenn im Tale, wo der Quell mich kühlte, 
Wo der jugendlichen Sträuche Grün 
Um die stillen Felsenwände spielte 
Und der Äther durch die Zweige schien, 
Wenn ich da, von Blüten übergossen, 
Still und trunken ihren Othem trank 
Und zu mir, von Licht und Glanz umflossen, 
Aus den Höhn die goldne Wolke sank .

Wenn ich fern auf nackter Heide wallte, 
Wo aus dämmernder Geklüfte Schoss 
Der Titanensang der Ströme schallte 
Und die Nacht der Wolken mich umschloss, 
Wenn der Sturm mit seinen Wetterwogen 
Mir vorüber durch die Berge fuhr 
Und des Himmels Flammen mich umflogen, 
Da erschienst du, Seele der Natur!

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