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2014-06-20

Fabeln d. Aufklärung T2- G.K.Pfeffel: Der Löwe (6)




Der Esel

Der Esel trat als Supplikant
Zum Löwen. „Sir, darf ich es wagen“ ,
Sprach er, „ein Wort dir vorzutragen?
Die Polizei in jedem Land
Hat Männer von Talent ernannt,
Des Nachts die Stunden anzusagen:
Nun wissen Berge, Tal und Wald,
Wie mächtig meine Töne schallen,
Drum bitt ich, Sir, laß dir gefallen,
Mit einem mäßigen Gehalt
Von Rocken, Haber oder Kleien
Das Wächteramt mir zu verleihen."
Er senkt das Ohr und schweigt. Alsbald
Wird seine Bitte plazidieret;
Der Esel wird durch Stab und Horn
Zum Stundenrufer investieret,
Und ein Gehalt von Heidekorn
Wird ihm in Gnaden assignieret.
Die Nacht bricht ein. Wie Boreas
Ruft er: „Ihr Herren, laßt euch sagen . . .“
Dem Hof gefiel der neue Spaß:
Doch, als der Seiger eins geschlagen
Und er noch rief, da fing der Chan
Den Schreier zu verwünschen an;
Und Luna ging noch nicht zur Neige,
So bot er durch ein Windspiel ihn
Auf seine Burg. Das Tier erschien.
„Geh, friß dein Korn daheim und schweige.“
So sprach der Fürst und ließ ihn ziehn;
Und so entstanden in dem Staate
Die fetten Hofkanonikate
Für Esel, die auf Polstern ruhn,
Und Sold beziehn, um nichts zu tun.




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