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2014-06-08

G. E. Lessing- Fabeln: Der Wunsch zu sterben (6)




Der Wunsch zu sterben

Ein durch die Jagd ergrimmter Bär
Latscht hinter einen Wandrer her.
Aus Rache will er ihn zerreißen.
(Das mag dem Wandrer wohl ein unverdientes Unglück heißen.)
Aus Rache, dummes Tier? wird mancher Leser sprechen,
Kannst du dich nicht an deinen Jägern rächen?
O schimpft mir nicht das gute Vieh:
Es folgt den Trieben nur; Vernunft regiert es nie.
Es hat ja unter uns – – – was sagt ich? nein – – bei Hunden
Gewiss nicht wenige von gleicher Art gefunden.
Geschwinde! Wanderer, geschwind und rette dich.
Er läuft, der Bär läuft nach. Er schreit, will sich verstecken,
Der Bär nicht faul, sucht ihn, bricht brummend durch die Hecken,
Und jagt ihn wieder vor. Der ändert oft den Lauf;
Bald rechts, bald vor, bald links. Doch alle diese Ränke
Sind hier umsonst. Warum? Der Bär hat auch Gelenke.
Gewiss so eine Jagd wär mir nicht lächerlich!
Jedoch zu was wird sich der Wandrer nun entschließen?
Er springt den nächsten Baum hinauf.
Oh! das wird niemand wohl das beste Mittel nennen.
Er musste doch in aller Angst nicht wissen,
Daß Bäre gleichfalls klettern können.
Das tolle Tier erblickt es kaum,
So stutzt es, brummt und kratzt den Baum,
Es bäumt den schweren Leib, es setzt die Vordertatzen
An Rind und Ästen ein, so schnell, als scheue Katzen.
So langsam Gegenteils hebt es des Körpers Wucht;
Doch kömmt es schon so hoch, das der den Gipfel sucht.
Was gibt uns oft die Angst nicht ein?
Der Wandrer sucht des Feindes los zu sein.
Er stößt, und stößt den Fuß mit voller Leibesstärke
Dem Bäre vor den Kopf. Doch große Wunderwerke
Tat dieses Stößchen nicht. Wie kann es anders sein?
Wer Bäre töten will, braucht der den Fuß allein?
Er taumelt nur, anstatt zu fallen,
Und fasset schnell mit seinen Krallen
Des Wandrers Fuß, der nach ihm stieß.
Er hält ihn, wie ein Bär. Durch Zerren und durch Beißen
Sucht er den Raub herabzureißen.
Jedoch je mehr er riss, je mehr hält jener sich
An Ästen fest und ritterlich.
Wenn Witz und Tapferkeit uns nicht erretten kann,
Beut oft das blinde Glück uns seine Rettung an.
Der wütend plumpe Bär
Ist für den dünnen Ast zu schwer;
Der bricht, und er fällt schütternd schnell zu Boden.
Der Fall bringt ihn fast um den Oden,
Und keuchend schleicht er zornig fort.
Von Schrecken, Furcht und Schmerzen eingenommen,
Sieht kaum der Wanderer, das er der Not entkommen.
Nun lobt er wohl, durch jedes Wort,
Mit zärtlich dankbarem Gemüte
Des Himmels unverhoffte Güte?
O weit gefehlet! nein! mit zitternd schwacher Sprache
Flucht, lästert, schreiet er selbst wider Gott um Rache.
Er kriecht vom Baum herab und läßt sich murrend nieder.
Sein nasses Auge sieht das Blut der wunden Glieder.
Der Schmerz verführet ihn, das er den Tod begehrt,
Den Tod, vor dem er sich mit Fliehn und Schrein gewehrt.
Bald flucht er auf den Bär, der ihn nicht ganz zerrissen;
Bald flucht er auf sich selbst, das er sich retten müssen.
»O näh're dich, erwünschter Tod!
Benimm mir Leben Schmerz und Not!
Entführ mir dieser Wunsch doch mit dem letzten Hauche!«
St! St! was raschelt dort, dort hinter jenem Strauche?
Beglückter Wanderer! dein Wunsch ist schon erhört.
Es kömmt ein neuer Bär, der dich im Klagen stört.
Ein Bär? Erschrick nur nicht! Ein Bär.
Ohn Zweifel schickt der Tod ihn her.
Der Tod? Ja! ja, der Tod den du gewünschet hast,
Gewünschet und erfleht. »Das ist ein schlimmer Gast.
Der Henker! weiß er denn gar nichts von Komplimenten?
Wenn meine Beine doch mich nur erretten könnten!«
Mit Mühe sucht er aufzustehn;
Doch kann er nicht vom Flecke gehn.
Hier kam ihm schnell ein ander Mittel ein,
Das ihm vorher nicht eingekommen.
Er hatt es einst (zehn Jahre mocht es sein)
Von einem Reisenden vernommen;
Und hatt es nie, nur in der Not, vergessen,
Daß Bäre selten Tote fressen.
Sein Einfall wirft ihn hurtig nieder;
Die schon vor Schrecken kalten Glieder
Streckt er starr von sich weg, so sehr er immer kann,
Und hält den Oden mühsam an.
Der Bär beschnopert ihn, findt keines Lebens Spur,
Mag sich an Toten nicht begnügen,
Kehrt sittsam um, und brummet nur,
Und läßt den Schalk in Ruhe liegen.
Was ist bei dir ein Wunsch? Mein Freund, laß michs verstehen.
Du wünschst den Tod: er kömmt; du suchst ihm zu entgehen.
Steh auf! der Bär ist fort. Was fluchst du ihm noch nach?
Zum Danke, das er dir nicht Hals und Beine brach?
Was soll die Lästerung? Verringert sie die Schmerzen?
Noch wünschest du den Tod? Das geht dir wohl von Herzen?
Nur schade, das er dich vorhin so spotten sah:
Sonst wär er wahrlich längst auf dein Ersuchen da.
Der schwüle Tag vergeht; der Abend bricht herein.
O könnt er, in geborstnen Feldern,
Wie durch die Hitze matten Wäldern,
Mein Wandrer, ebenfalls dir zur Erquickung sein!
Man sieht die Luft, sich abzukühlen,
Mit stummen Blitzen häufig spielen.
»Oh!« schreit der Wanderer, »zög sich ein Wetter auf!
O hemmten Blitz und Schlag mir Pein und Lebenslauf!«
Schnell zeigt der Donnergott dem Wunsche sich gewogen.
Des ganzen Himmels weite Ferne
Verdeckt viel Dunst; die hellsten Sterne
Sind schwarz mit Wolken überzogen,
Schnell fährt der Blitz heraus, kracht hier und dort ein Schlag.
Auf, Wandrer, freue dich! das ist dein Sterbetag!
Nun wird der Tod auf Donnerkeilen
Zu dir verlaßnem Armen eilen.
Was scherzst du noch voll Furcht? – – Ihr Freunde, gebt doch acht;
Doch bitt ich, zwänget euch, daß ihr nicht drüber lacht...
»Ja! das ist Pein – – o stürb ich doch! – –
Komm Tod! komm doch – – du zauderst noch?
Jedoch hier mag ich wohl nicht allzusicher liegen?
Ich habe ja einmal gehört,
Wie die Erfahrung oft gelehrt,
Das Donner gern in Eichen schlügen.
O machte mir ein Lorbeerbaum
Doch unter seinen Ästen Raum.
O weh! wie schmerzt das Bein! Erbarm dich doch o Tod!
Jedoch dort schlug es ein – – Nun ists die höchste Not,
Soll mich das Wetter nicht verletzen,
Mich schnell in Sicherheit zu setzen!«
Geh! dummer Wandrer, geh! such einen sichern Ort;
Und wünsche bald den Tod; bald wünsch ihn wieder fort.
Mich soll dein Wankelmut der Menschen Zagheit lehren,
Muß ich sie so, wie dich, verwegen wünschen hören.
Glaubt, Freunde, glaubet mir! der ist ein weiser Mann,
Der zwar das Leben liebt, doch mutig sterben kann!


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