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2014-06-27

Gedichte von F.Rückert: Amaryllis (5)




Amaryllis

1.

Amara, bittre, was du tust, ist bitter,
Wie du die Füße rührst, die Arme lenkest,
Wie du die Augen hebst, wie du sie senkest,
Die Lippen auftust oder zu, ist’s bitter.

Ein jeder Gruß ist, den du schenkest, bitter,
Bitter ein jeder Kuß, den du nicht schenkest,
Bitter ist, was du sprichst und was du denkest,
Und was du hast und was du bist, ist bitter.

Voraus kommt eine Bitterkeit gegangen,
Zwo Bitterkeiten gehn dir zu den Seiten,
Und eine folgt den Spuren deiner Füße.

O du, mit Bitterkeiten rings umfangen,
Wer dächte, das mit all den Bitterkeiten
Du doch mir bist im innern Kern so süße.

2.

Thessalierin - obgleich mit keinem Laute
Du von Thessalien je gehört im Traume
Thessalierin! von welchem Zauberbaume,
Von welcher Zauberwurzel, Zauberkraute,

Nahm deine Hand die Stoffe, draus sie braute
Das bittere Getränk, in dessen Schaume
Verborgen ist, was je vom Wolkensaume
Der Mitternächte Giftiges niedertaute?

Das Gift es ist, muß ich ja wohl erkennen
Daraus, weil du aus den gefüllten Scherben,
Wie sehr ich flehe, nicht zuvor willst nippen.

Drum statt zu löschen, macht es Durst entbrennen,
Und weh! wenn du nicht bald mir statt des Herben
Das Süße reichst im Becher deiner Lippen!

3.

Du standst in dich verhüllt gleich einem jungen
Frühlinge, der sich selbst noch nicht empfunden;
Ich kam und brachte deines Lenztums Kunden
Dir erst durch meiner Blicke Flammenzungen.

Auf wachtest du aus deinen Dämmerungen
Und stehest jetzt, in freier Blüt entbunden,
Sieg atmend da. Was hab ich Lohn gefunden,
Das ich zuerst den Lenz dir angesungen?

Die Lerche darf ins Saatfeld, wo sie schwirrte,
Die Nachtigall ins Buschwerk, wo sie lockte,
Die Schwalbe, wo sie sang, ans Dach von Moose

Ihr Nest sich baun. O du, um die ich girrte,
Mir Dach und Busch und Saatfeld, oh, Verstockte,
Wo soll ich nisten, als in deinem Schoße!

4.

Die tausend Schritte, die ich täglich schreite,
Seitdem der tolle Wahn mein Herz besessen,
Stets auf dem Weg, den ich nicht kann vergessen,
Bald in der Sonne, bald des Monds Geleite:

Wenn ich im Geiste sie zusammenreihte,
Wieviel des Landes hätt ich wohl durchmessen,
Wie vieles hätt ich sehen wohl indessen
Und hören können in der Fern und Weite!

Meinst du, das du versammelt alle Strahlen
Der Schönheit habest so an deinem Bette,
Das all die Welt dagegen leere Schalen?

Die Berge, Wälder, Ströme, Menschen, Städte!
Womit willst du das Leben mir bezahlen,
Das ich versitz an deiner Liebe Kette?

5.

Weil ich nichts anders kann als nur dich lieben,
Will ich dich lieben denn soviel ich kann.
Zu hassen dich hatt ich mir vorgeschrieben,
Mit Hasse sah das Herz die Vorschrift an.
Dich zu vergessen hatt ich mich getrieben;
Vergessen war es, eh ich mich besann.
Da so der Haß ward von sich selbst zerrieben,
So das Vergessen in sich selbst zerrann;
So laß mich denn, soviel ich kann, dich lieben,
Weil ich nichts anders als dich lieben kann.


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