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2014-06-06

Gedichte von G.Keller: Am Himmelsfahrtstage (3)




Am Himmelfahrtstage 1846 

Mit den ersten Gedichten

Ausgestorben scheint die Stadt,
Weil, was sich des Lebens freut
Und den Bund mit ihm erneut,
Sich hinaus begeben hat
Auf die Hügel, auf die Berge,
Angefüllt wird jedes Tal,
Rühren muß sich Wirt und Ferge
In dem warmen Maienstrahl.

Von dem höchsten Giebel schau
Ich hinaus, o welch Gewimmel!
Ja, die Erde trägt gen Himmel
Menschenherz und grüne Au!
Und wie ferne Kirchenfahnen
Flattert's von der Burg Geländern
Bunt von seidnen Lenzgewändern
Unter grünenden Platanen.

Einsam wehen hier die Linden
Dieser Stadt um stille Dächer –
Ach, wie einen leeren Becher
Muß ich die verlaßne finden,
Einen Becher, dessen Schein
Wird geflohn von jedem Munde
Und auf dessen dunklem Grunde
Ich der letzte Tropfen Wein!

In die kühle Dämmernacht
Meines Hauses steig ich nieder,
Wo mir meine jungen Lieder
Schlummern, bis ihr Tag erwacht;
Wo ein Strauß von Fliederzweigen
Drüber nickt mit stillem Neigen,
Mit erwartungsvollem Schweigen
Wilde Röschen halten Wacht.

Nun in tiefer Einsamkeit
Schreib ich, eh für immer schied
Mir die lange Morgenzeit,
Meiner Jugend letztes Lied;
Und der Hoffnung sei's geweiht!
Was ich hoffe, hofft die Welt;
Ist sie nur zur Fahrt bereit,
Wird sie selbst ihr Himmelszelt!

Tu dich auf, o schöner Schrein,
Lasse deine Schätze funkeln!
Laß sie, blitzend hell, verdunkeln
Der Martyrer blass Gebein! –
Weihrauch sind die Frühlingsdüfte,
Und auch du, mein Schwalbenzug,
Flattre, leichter Liederflug,
Aufwärts in die freien Lüfte!



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