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2014-06-06

Gedichte von G.Keller: Auf dem Berge (5)





Auf dem Berge

I.

Wie sich die Gefilde dehnen
Weit ins unermeßne Blau,
Zieht mich ein gewaltig Sehnen
Mächtig über Tal und Au.

Silberströme seh ich blinken,
Spiegelglatte Seen auch,
Und der Menschen Städte winken
Fernher aus verworrnem Rauch.

Wälder, Wiesen, Fruchtgelände
Ruhen still im Mittagsschein,
Höhen, Tiefen ohne Ende
Schließen fromme Dörflein ein.

Über all die Herrlichkeiten
Gießt die Sonn’ ein Liebesmeer,
Von dem Nahen, von dem Weiten
Glänzen Strahlen zu mir her.

Könnt ich doch, in Luft zerronnen,
Wogen auf dem weiten All,
Ganz vom Sonnenlicht durchsponnen
Schweben über Berg und Tal,

Bald ins blaue Meer mich tauchen
Und zu fernen Inseln fliehn,
Bald in Gärten Balsam hauchen,
Bald auf hohen Alpen ziehn,

Nächtlich zu den Sternen schweben
Hoch und höher stets hinauf -
Und zuletzt das leichte Leben
Leis in Äther lösen auf!

II.

Laß, o Dichter, solche Träume!
Sie vergehen mit dem Wind.
Du versteigest dich in Räume,
Die dir nie erreichbar sind.

All die herrlichen Gefilde
Dort im goldnen Sonnenlicht
Sind nur leere Traumgebilde
Und verwirklichen sich nicht.

Gramvoll würd’ dein Auge schweben
Ob dem weiten, schönen Rund,
Wüßtest du, welch qualvoll Leben
Siecht und kümmert auf dem Grund.

Steig hinunter in die Städte,
Die so blendend vor dir stehn:
Bald wird in dem Jammerbette
Alles Träumen dir vergehn.

In die Dörflein steige nieder,
Wo die fromme Armut wohnt
Und wo arbeitsmüde Glieder
Harte Schmach und Knechtschaft lohnt.

Jene reichen Fruchtgelände,
Ganz vom Segen übertaut,
Sind durch schwielenvolle Hände
Nur für Schlemmer angebaut.

Auf dem blauen Meere schiffen
Christen mit mordsücht’gem Sinn,
Würgen kalt mit Geiersgriffen
Kindlich reine Heiden hin.

In den Gärten spreizt der Hochmut
Ungestraft den Pfauenschwanz.
Ach! der Völker bestes Herzblut
Duftet aus dem Rosenglanz.

Abwärts, abwärts sollst du streben,
Folge treu des Jammers Lauf:
Wohl löst dann dein Dichterleben
Klagend sich in Tränen auf.



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