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2014-06-06

Gedichte von G.Keller: Die Spinnerin (8)




Die Spinnerin

I.

Rinne sanft, du weiche Welle,
Schöner Flachs, durch meine Hände,
Das ich dich mit stiller Schnelle
Fein zum goldnen Faden wende!

Du Begleiter meiner Tage
Wirst nun bald zum Tuch erhoben,
Dem ich all mein Lust und Klage
Singend, betend eingewoben!

Wie so schwer bist du von Tränen,
Schwer von Sagen und von Träumen,
Schwer von jungfräulichem Sehnen
Und durchblüht von Myrtenbäumen!

Ahnt er wohl, du traute Linne,
Welch geheimnisvolle Dinge,
Einen Schatz urtiefster Minne
Ich mit dir ins Haus ihm bringe?

Kühler Schnee auf seine Wunden
Sollst du werden, mein Gewebe!
Wohl ihm, das er mich gefunden
Unter dieses Gartens Rebe!

Wie durchdringt mich das Bewußtsein,
Das so ganz sein Glück ich werde
Und das Kleinod seiner Brust sein
Und sein Himmel auf der Erde!

II.

Nur diesen letzten Rocken
Noch spinnt mein reger Fleiß;
Dann schmiegt euch, blonde Locken,
Dem grünen Myrtenreis!

Ich habe lang gesponnen
Und lange mich gefreut,
Zum Bleichen an der Sonnen
Liegt meine Jugendzeit!

Hat er wohl auch das Seine
Mit treuem Mut getan?
Betreten schon die eine
Und lichte Ehrenbahn?

Hat innig er begriffen
Die Arbeit seiner Zeit?
Hat er sein Schwert geschliffen
Und ist zum Kampf bereit?

Weh ihm, wenn er nicht rechten
Für unsre Freiheit will!
Weh ihm, wenn er nicht fechten
Für unsre Ehre will!

Dann mag mein Liebster minnen
Wohl auf und ab im Land,
Und dies mein bräutlich Linnen
Wird dann ein Grabgewand!



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