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2014-06-07

Gedichte von G.Keller: Meer (20)




Meer

Der Himmel hängt, wie Blei so schwer,
Dicht auf dem wildempörten Meer;
Ein englisch Segel, fast die Quer,
Schießt wie ein Pfeil darüber her.

Ein Messer, so das Meer sich schliff,
Da starrt ein blankes Felsenriff
Und schlitzt das Engelländerschiff –
Das Meer tut einen guten Griff.

Viel tausend Bibeln sind die Fracht,
Die sinken in die Wassernacht;
Schon hat in düstrer Schuppenpracht
Das Seevolk sich herbeigemacht.

Da wimmelt es von Schlang und Fisch,
Sie sitzen am Korallentisch;
Her schießt der Leviathan risch:
»Was ist das für ein Flederwisch?«

Die Meerschlang, als die Königin,
Kommt auch und blättert her und hin;
Sie alle lesen emsig drin
Und forschen nach dem dunkeln Sinn.

Sie ziehn den Missionär empor
Und halten ihm die Bibel vor;
Doch der zu schweigen sich verschwor –
Das Meer durchbraust sein totes Ohr.



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