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2014-06-07

Gedichte von G.Keller: Morgenlied (23)




Morgenlied

Fahre herauf, du kristallener Wagen,
Klingender Morgen, so frisch und so klar!
Seidene Wimpel, vom Ostwind getragen:
Flattre, du rosige Wolkenschar!

Unter dir flutet und duftet die Erde,
Brausende Woge von Blüte und Staub!
Asche und Glut auf zerfallendem Herde,
Leben und Tod unter grünendem Laub!

Reinigend, segnend liegt Tau auf den Landen,
Weihbrunn zum heiligen Sonnengebet!
Ach aber trocken, versengt und in Banden
Liegen die Völker dazwischen gesät!

Wie sich die schimmernden Kreuze bespiegeln
Hoch auf den Domen Land auf und Land ab
Könntest du, blitzender Morgen, entriegeln
Drunter das alles verschlingende Grab!

Schwebt nicht ein Phönix dort hoch in den Lüften,
Tummelnd sich freudig im goldenen Saal?
Ach, nur ein Rabe aus nächtlichen Klüften
Sonnt sein Gefieder am feurigen Strahl!

Springt nicht ein Fischlein aus silberner Welle,
Das sich am lieblichen Lichte erfreut?
Ja, ’s ist ein Hecht, ein ergrauter Geselle,
Der seinen täglichen Mord nur erneut!

Welches ist Lüge und welches ist Wahrheit,
Ist es das Leben hier oder der Tod?
Ist es die Finsternis, ist es die Klarheit,
Ewige Täuschung das Morgenrot?

Beides ist Wahrheit und beides ist Lüge,
Je nachdem eines das andre bezwingt!
Hilf du dem Leben, o Morgen, zum Siege
Und das die Klarheit die Krone erringt!



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