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2014-06-05

Gedichte von G.Keller: Winter II (19)




II.

Verschlossen und dunkel ist um und um
Mein winterlich Herze zu schauen,
Doch innen, da ist es erleuchtet und hell,
Da dehnen sich grünende Auen.

Da stell ich den Frühling im kleinen auf
Mit Rosengärten und Bronnen,
Da spann ich ein liebliches Himmelblau aus
Mit Regenbogen und Sonnen!

Da zünd ich das Morgen- und Abendrot an
Und lasse die Nachtigall schlagen,
Da lasse ich singende Jungfräulein gehn,
Die meergrüne Kleider tragen!

Dann ändr' ich die Szene und lasse mit Macht
Den blitzenden Sommer erglühen,
Ich lasse die Schnitter auf Garben ruhn
Und blutrote Mohnfelder blühen.

Und dann durchschneid ich mit Wetterschein
Mein Herz und füll es mit Stürmen,
Laß Schiffe und Mannschaft zu Grunde gehn,
Dann »Feuer« von Bergen und Türmen!

Hei, Revolutionen und Mordgeschrei,
Mit Galgen und Guillotinen,
Geköpfte Könige, wahnsinnig Volk,
Konvente und Höllenmaschinen!

Nun ist mein Herze der Grèveplatz,
Voll Pöbel und blutige Leichen;
Ich sehe mich selber im dicksten Troß
Erschrocken und totenblaß schleichen.

Der Draht ist gebrochen an meiner Figur,
Ich kann mich nicht mehr entziehen;
Es wird mir bang, und ich lasse das Bild
Mit all seinen Schrecken entfliehen.

Ich schüttle die Tannen wie Besenreis
Und fege das Laub von den Wäldern,
Ich lösche am Himmel die Sterne aus
Und senge das Gras auf den Feldern.

Wenn alles erstorben und stille ist,
Dann trag ich mich selber zu Grabe
Und stecke ein schwarzes Kreuzlein darauf,
Das ich selbsten geschnitzelt habe.

So spiel ich den langen Winter hindurch;
Doch wenn die Maiblumen sprossen,
Zerbrech ich das gläserne Puppenspiel
Und mache den Dichter im großen!



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