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2014-06-08

G.Keller- Gedichte: Waldliebe (43)




Waldliebe

Seht den Schuft am Waldessaum,
Mit gewandten Schritten fliegend,
Den geraubten Föhrenbaum
Auf der jungen Schulter wiegend!
Hat die Axt, die er gestohlen,
Vornen in den Stamm geschwungen,
Weit noch hinter seinen Sohlen
Kommt der Wipfel nachgesprungen.
Wie er heimlich lacht und singt,
Das sein Herz im Leibe springt!

Und die Dirne kommt daher
Mit gestohlnen Birkenruten;
Von der Arbeit, lang und schwer,
Stehn die Wangen ihr in Gluten.
Und der Bursche wirft die Föhre
Wie ’ne Feder in den Graben,
Reißt die Dirne nach, ich schwöre,
Das die was zusammen haben!

Wo ein kleiner Freudenquell
Tief im Eschengrunde fließet
Und die Silberadern hell
Durch das samtne Moos ergießet,
Wirft der schlanke Dieb sich nieder
Mit der Dirn im braunen Arm,
Löst ihr hastig Tuch und Mieder,
Und er flüstert liebewarm,
Das sein glühend Herz erklingt,
Wie die Nuß im Feuer singt:

„Schätzchen, o du kommst mir just,
Das ich meine Schätze grabe,
Wieder einmal meine Lust
Am verborgnen Reichtum habe!
Das ich prüfe die Juwele:
Deine Äugelein voll Feuer!
Das ich meine Perlen zähle,
Deine Zähne blank und teuer!

Zeig mir der Korallen Schein
An dem frischen, süßen Munde,
Gib mir schnell mein Elfenbein,
All das feingedrehte runde!
Gib mir meine Silberberge,
Die mich weiß und selig blenden,
Drin die tausend Liebeszwerge
Pochen mit den kleinen Händen!“
Wie ein Has im Kohle springt
Ihm das Herz und singt und klingt!

„Laß mich wägen all mein Gold:
Deines Haares schwere Güsse!
Laß mich zählen meinen Sold:
Zähle mir ein Hundert Küsse
Blank und bar auf meine Lippen,
Weil uns kein Verräter lauschet!
Laß mich von dem Weine nippen,
Der mich armen Schelm berauschet!

Nun verhüll die Herrlichkeit
Mit den Lumpen, mit den Fetzen,
Das kein Auge, ungeweiht,
Spähen kann nach meinen Schätzen!
Dieses Tuch um deine Haare
Dreimal, viermal sorglich winde,
Das die goldne Schimmerware
Ja kein Strahl der Sonne finde!“

Und die Dirne ist davon
Durch den dunklen Wald gesprungen;
Wieder hat der Bursche schon
Seine Föhre aufgeschwungen.
Wie ihn schnell die Beine tragen
Mit dem schwanken, langen Raube!
Einen grünen Siegeswagen,
Schleift die Krone er im Staube.
Und vor innerm Lachen springt
Ihm das Herz und singt und klingt!



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