> Gedichte und Zitate für alle: Klabund "Die Harfenjule": Baumblüte in Werder (9)

2014-06-12

Klabund "Die Harfenjule": Baumblüte in Werder (9)




Baumblüte in Werder

Tante Klara ist schon um ein Uhr mittags besinnungslos betrunken.
Ihr Satinkleid ist geplatzt. Sie sitzt im märkischen Sand und schluchzt.
Der Johannisbeerwein hat’s in sich. Alles jubelt und juchzt
Und schwankt wie auf der Havel die weißen Dschunken.

Waldteufel karren, und Mädchenaugen glühn. Mutta,
Mutta, kiek ma die Boomblüte. Ach du liebe Güte —
Die Blüten sind alle erfroren. 
Ein einsamer Kirschbaum versucht zu blühn.

Eisige Winde wehn. In den Kuten balgt und sielt
Sich ein Kinderhaufen. Der Lenz ist da: ertönt es von
 Seele zu Seele. Ein schon melierter Herr berappt für seine Tele,
Die ein Kinderbein für ein Britzer Knoblinchen hielt.

Vater spielt auf der Bismarckhöhe mit sich selber Skat
 und haut Alle Trümpfe auf den Tisch, unbeirrt um das
Wogen und Treiben der Menge. Braut und Bräutigam 
verlieren sich im Gedränge, Ach, wie mancher erwacht am
 nächsten Morgen mit einer ihm bis dato unbekannten Braut.

Mutter Natur, wie groß ist deiner Erfindungen Pracht!
Vor lauter Staub sieht man die Erde nicht.
Tief geladen, mit Klumpen von Menschen  beladen, sticht
Ein Haveldampfer in See. Schon dämmert es. Über den Föhren erscheint
 die sternklare, himmlische, die schweigsame Nacht.



alle Gedichte von Klabund                                                   nächstes Gedicht der Harfenjule

alle Gedichte der Harfenjule

Keine Kommentare: