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2014-06-26

Naturlyrik-Realismus- Fontane: Der Frühling (4)



T.Fontane

Der Frühling

I. Des Knaben Frühlingsbitte

Ach, wo mag der Frühling weilen?
Wo beglückt er Wald und Flur?
Dorthin möcht ich fröhlich eilen,
Treulich folgen seiner Spur.
Dort, wo Lüfte zärtlich kosen,
Wo die Erde frisch und grün
Und die wunderschönen Rosen
Wie ein Brautschmuck ihr erblühn; -
Dorthin, dorthin laß mich eilen.
Dorthin, dorthin laß mich ziehn!

Doch mich fesseln tausend Bande
An die winterliche Flur,
In des Lenzes schöne Lande
Trägt mich meine Sehnsucht nur.
Frühling, - wie ich dich erflehe.
Wie mein Hoffen ist bei dir, -
Stets entbehrt ich deiner Nähe,
Kommest nimmer du zu mir; -
Frühling, - wähle deine Stätte
Doch auch endlich, endlich hier!

Sieh die schneebedeckten Wälder
Und des Bachs erstarrte Flut,
Sieh das Leichentuch der Felder,
Wie so tot die Erde ruht;
Sieh des Himmels düstren Schleier,
Der das weiße Schneegefild
Bei der Erde Totenfeier
Wie ein Trauerflor umhüllt;
Sieh es, und du läßt nicht länger
Meine Sehnsucht ungestillt.

Frühling, du wirst wiederkommen.
Mit dir Leben, Liebe, Glück,
Was der Winter uns genommen.
Gibst du schöner uns zurück.
Wieder wird die Sonne glühen.
Wird die Erde frisch und grün,
Wieder wird die Rose blühen,
Wird der Bach die Flur durchziehn
Und das Herz in meinem Busen
Singen Frühlingsmelodien.

II. Der Frühling

Lebengebend,
Liebewebend
Ziehe ich von Land zu Land;
Wie ich handle.
Wo ich wandle.
Bin als Freund ich wohlbekannt.

Sorgenreiche,
Kummersbleiche -
Freudig heilt sie meine Hand,
Kranken Herzen
Voller Schmerzen
Bin ich tröstend zugewandt.

Keinem Sehnen,
Keinen Tränen
Weiß ich hart zu widerstehn.
Immer fröhlich
Und glückselig
Will ich alle Herzen sehn.

Holder Knabe,
Manche Gabe
Werf auch dir ich in den Schoß;
Herzbeglücken,
Herzentzücken
Ist des Frühlings köstlich Los.

Mir entsprieße.
Du genieße
Eine Welt voll Seligkeit,
Liebe, Leben
Zu vergeben
Hat allein die Frühlingszeit



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