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2014-06-26

Naturlyrik-Realismus- G.Keller: Frühling (7)




G.Keller

Frühling

I

Berghinan vom kühlen Grund
Durch den Wald zum Felsenknauf
Haucht des Frühlings leiser Mund,
Tausend Augen tun sich auf.

Sachte zittert Reis an Reis,
Langt hinaus, noch halb im Traum,
Langt und sucht herum im Kreis
Für drei grüne Blättlein Raum.

Doch mit lautem Wellensang
Weckt der Bach die Waldesruh:
Mitten drin, im jähen Hang,
Schläft ein Trumm von Nagelfluh;

Das einst hoch am Silberquell
In des Berges Krone lag,
Nieder führt’ an diese Stell
Es ein solcher Frühlingstag:

Wo es hundert Jahre blieb
Hangen an der Eschenwurz;
Heute reißt der junge Trieb
Weiter es im Wellensturz!

Dröhnend springts von Stein zu Stein,
Trunken von der wilden Flut,
Bis es dort am Wiesenrain
Schwindelnd unter Blumen ruht.

Du versteinte Herrlichkeit!
O wie tanzest du so schwer
Mit der tollen Frühlingszeit -
Hinter dir kein Rückweg mehr!

II

Es gehet eine schöne Sage
Wie Märchenduft auf Erden um,
Wie eine süße Sehnsuchtsklage
In lauer Frühlingsnacht herum.

Das ist das Lied vom Völkerfrieden
Und von dem letzten Menschenglück,
Von goldner Zeit, die einst hienieden
Mit Glanz und Reinheit kehrt zurück;

Wo einig alle Völker beten
Zum einen König, Gott und Hirt, -
Von jenem Tag, wo den Propheten
Ihr ehern Recht gesprochen wird!

Nur eine Schmach wirds für der geben,
Nur eine Sünde auf der Welt:
Das ist das eitle Widerstreben,
Das es für Traum und Wahnsinn hält.

Wer diese Hoffnung hat verloren
Und böslich sie verloren gab,
Der wäre besser ungeboren;
Denn lebend wohnt er schon im Grab.

III

Der Lenz ist da, die Lauine fällt,
Sie fällt mit Tosen und Brausen ins Tal!
Ich habe mein Hüttlein daneben gestellt
Auf grünende Matte am sonnigen Strahl!

Und wenn die Lauine mein Hüttlein trifft
Und niederreißet mit donnerndem Lauf,
Sobald wieder trocken die Alpentrift,
Bau ich ein neues mir singend auf!

Doch wenn einst in meines Landes Bann
Erstarrend die Laue der Knechtschaft fällt,
So zünd ich die hölzerne Hütte an
Und ziehe hinaus in die weite Welt!

Denn lieber gepeitscht in Sibirien sein
Alls Herrendiener im Vaterland!
Und lieber mich fremden Tyrannen weihn
Als meiner eigenen Heimat Schand!



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