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2014-06-26

Naturlyrik-Realismus- G.Keller: Sommer (8)





G.Keller

Sommer

I

Das ist doch eine üppige Zeit,
Wo alles so schweigend blüht und glüht
Und des Sommers stolze Herrlichkeit
Still durch die grünenden Lande zieht.

Das Himmelblau und der Sonnenschein,
Die zehren und trinken mich gänzlich auf!
Ich welke dahin in müßiger Pein,
In Rosen versiegt mein Lebenslauf!

Die Schnitter so stumm an der Arbeit stehn,
Nachdenklich und düster auf brennender Au!
Ich höre ein heimliches Dröhnen gehn
Rings in der Berge dämmerndem Blau.

Ich sehne mich nach Gewitternacht,
Nach Sturm und Regen und Donnerschlag!
Nach einer tüchtigen Freiheitsschlacht
Und einem entscheidenden Völkertag!

II

Mir ist: ich trag ein grünes Kleid
Von Sammet, und die weiche Hand
Von einer schweigsam stillen Maid
Streicht es mit ordnendem Verstand.

Wie sie so freundlich sich bemüht,
Trag ich die leichte Unruh gern,
Indes sie mir ins Auge sieht
Mit ihres Auges blauem Stern.

So deckt der weiche Buchenschlag
Gleich einem grünen Samtgewand,
Soweit mein Auge reichen mag,
Das hügelübergoßne Land.

Und sachte streicht darüber hin
Mit linder Hand ein leiser West;
Der Himmel hoch mit stillem Glühn
Sein blaues Aug drauf ruhen läßt.

Uns beiden ist, dem Land und mir,
So innerlich, von Grund aus, wohl -
Doch schau, was schleicht im Feldweg hier,
Den Blick so scheu, die Wange hohl?

Ein Heimatloser sputet sich
Waldeinwärts durch den grünen Plan -
Das Menschenelend krabbelt mich
Wie eine schwarze Erdspinn’ an.



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