> Gedichte und Zitate für alle: Romantik-Naturlyrik: A.W.Schlegel: Der gespaltene Berg (12)

2014-06-01

Romantik-Naturlyrik: A.W.Schlegel: Der gespaltene Berg (12)




August Wilhelm Schlegel

Der gespaltene Berg

Dort, wo sich an des Mittelmeeres Wogen
Gaeta's schroffer Felsenwall erhebt,
Wo, rechts und links am Ufer hingezogen,
Der freie Blick zwo Buchten überschwebt,
Wo noch nicht in Vergessenheit entflogen
So manch' uralte Heldensage lebt,
Wie seiner Amme hier zum Angedenken
Aeneas Grab und Namen wollte schenken:

Da siehest du der Bergeshöhen eine
Gespalten ganz durch eine selt'ne Kluft.
Es geht der Riss hinab im harten Steine
Vom Gipfel an bis in die tiefste Gruft,
Doch hemmt die beiden Wände vom Vereine
Nur enger Raum und wenig Himmelsluft,
Also, das Einer nur und nach dem Andern
Den dunkeln Fußsteig mag hinunter wandern.

Und es berichten uns die heil'gen Sagen:
Derselbe Berg war vormals fest und dicht.
Doch als der Heiland, an das Kreuz geschlagen,
Für unsre Sünd' erlitten das Gericht,
Und als der Schrei von seinem letzten Zagen,
Der durch der Erde Schoss erschütternd bricht,
Die Hüll' am Allerheiligsten zerrissen;
Da hat sich auch des Felsen Brust zersplißen.

Die Kirche, von der Andacht Trieb geleitet,
Hat dieses Wunderzeichen wohl gehegt.
Hier ist ein Weg zur Pilgerfahrt bereitet,
Wobei die Seele Christi Leid erwägt;
An dreizehn Stellen, wie man nieder schreitet,
Erscheint das Bild des Kreuzes eingeprägt;
Bald murmelnd, bald geräuschig, spült die Welle
Am Ausgang um die heimliche Kapelle.

Keine Kommentare: