> Gedichte und Zitate für alle: Theodor Fontane: Robin Hood (1)

2014-06-01

Theodor Fontane: Robin Hood (1)




Robin Hood

1.

Liebe Herrn, horcht auf und habt mal Geduld,
Und lauf mir keiner davon; -
Ich will euch erzählen von Robin Hood,
Und vielleicht auch von Little John.

Zu Locksly, im lustigen Nottinghamshire,
Beginn ich mit meiner Geschicht,
Da bracht Robins Mutter den Robin zur Welt,
Und das andre - das weiß ich nicht.

Das aber weiß ich und hört es oft:
Sein Vater war Förster allda,
Er traf ins Schwarze, auf tausend Schritt,
Und das ist just nicht nah.

Mit Adam Bell und Will Clousdesly
Schoss er oftmals um die Wett,
Die mussten ihm zahlen vierzig Mark
In Gold und auf ein Brett.

Robins Mutter, die war John Gamwels Kind,
Der 'nen Wolf mit der Hand erwürgt;
(Zu Coventry, der Ochsenwirt
Hat mir's hundertmal verbürgt).

Und ihr Bruder hieß Gamwel von Gamwel-Hall,
Und sein altes Herz war frisch. -
Das weißeste Brot in Nottinghamshire,
Das kam auf seinen Tisch. -

Und sieh, Jung-Robin wuchs heran.
Zählte zwanzig Jahre bald.
Er hatte Vater und Mutter lieb,
Doch noch lieber den Sherwood-Wald.

Robins Mutter aber zum Vater sprach:
„Mein Liebster, der du bist.
Gern ritt' ich heute gen Gamwel-Hall
Und feierte Heiligen Christ.

Ich hab eine Lust, in Keller und Küch
So recht zur Hand zu gehn;
Auch hab ich den lieben Bruder mein
Seit Pfingsten nicht gesehn."

Vater Robin drauf: „Lieb Hanna, gewiss.
Meinen Braunen geb ich gern.
Nur nimm mir unsern Robin mit
Und zeig ihn dem alten Herrn;

Und grüß den Alten und küsse dazu
Die Kinder groß und klein.
Und wenn ihr alle recht lustig seid.
Lieb Hanna, so denke mein."

Er sprach's. Alsbald der Braune kam,
Gestriegelt und aufgestutzt!
Nur Robins Mutter und Robin selbst,
Die waren noch mehr geputzt.

Jung-Robin trug eine blaue Kapp
Und ein Schwert an seiner Seit,
Und die Mutter gar, die bauschte daher
Im Vierzig-Falten-Kleid.

Es war ein selbstgesponnenes Stück,
Und sie wusste sich was darin.
Und sie sah beinah so stattlich aus
Wie zu London die Königin.

Jung-Robin schwang in den Sattel sich.
Seine Mutter kletterte nach.
Sie sah den Braunen ängstlich an,
Vater Robin aber sprach:

„Lieb Hanna, laß, ich kenne sein Kreuz,
Zwei Reiter ist ihm Spiel,
Er trug schon sieben Scheffel Korn,
Und die wiegen doppelt soviel."

Er sprach's. Jung-Robin ritt im Schritt
Bis dicht an das Stadttor hin, -
Das Händeschütteln nahm kein End
Von Nachbar und Nachbarin;

Nun aber ging's auf den Braunen los
Zugleich mit Peitsch und Sporn,
Und Robin rief: „He, lauf einmal
Und verdiene dein Weihnachtskorn."

Sie kamen an. Das ganze Haus
Geriet wie außer sich,
Der Alte rief in einem fort:
„Lieb Schwester, wie freue ich mich!"

Am ändern Morgen ging's zur Mess',
Dann aber ging's wieder nach Haus,
Sechs Tische standen da, wohlgedeckt.
Drauf dampfte der Weihnachtsschmaus.

Jede Tafel trug eine braune Gans
Mit saftigen Äpfeln gefüllt,
Daneben Wildpret und Schinken zumal
In Eierteig gehüllt.

Sechs Lichter brannten; der Pfarrer vom Dorf
Sprach den Segen kurz und fromm, -
Dann aber rief Squire Gamwel selbst:
„Lieben Gäste, Gott Willkomm!

Willkommen mir all in Gamwel-Hall,
Und nun seht, was die Küche briet,
Wer aber mein Märzbier trinken will.
Der singe zuvor ein Lied."

Da sangen sie all (denn das Bier war gut)
Aus voller Kehl und Brust, -
Squire Gamwel schlug den Takt dazu
Und weinte beinah vor Lust.

Er rief: „Hört nur, wie draußen der Wind
Den Regen ans Fenster schlägt,
Das ist die Zeit, wo das Menschengemüt
Einen Humpen mehr verträgt.

„Lieb Hanna, hol uns den Stachelbeerwein,
Er zählt schon manchen Tag,
Und wirf mehr Holz noch in den Kamin,
Das es lustiger knistern mag."

Und sie brachte das Holz und sie brachte den Wein,
Und sie tranken wacker davon.
Und der Alte rief: „Nun kommt das Best,
Nun hol ich den Little John;

Little John, das ist der flinkeste Bursch
Zehn Meilen in der Rund:
Kopfstehn, Radschlagen und Gliederverdrehn,
Das versteht er aus dem Grund."

Little John trat ein; Jung-Robin rief:
„Nun flinkester Bursch, komm her!
Und springst du sieben Ellen weit,
So spring ich noch eine mehr."

Little John sprang sieben, Jung-Robin sprang acht,
Auf Zollbreit hielt er Wort,
Da rief der Alte: „So wahr ich leb.
Ich lasse dich nicht mehr fort.

Sei mir ein Sohn; wir haben hier auch
Fangmesser, Bogen und Pfeil,
Und mach ich mal die Augen zu.
So erbst du Kindesteil."

alle Gedichte von T.Fontane                                                                                  weiter

Gedichtsammlungen

Keine Kommentare: