> Gedichte und Zitate für alle: F. W. Zachariae- Fabeln: Die bußfertigen Tiere (17)

2014-07-14

F. W. Zachariae- Fabeln: Die bußfertigen Tiere (17)




Die bußfertigen Tiere 

Sogar auch in der Tiere Reich
kam einst die Pest. Des Todes Streich
riss zwar nicht alle grausam hin;
doch jedes war in seinem Sinn
bestürzt, betäubt und traurensvoll.
Der Wolf vergaß den alten Groll,
mit dem er auf die Herden fiel.
Da war kein Scherzen mehr, kein Spiel
bei den verscheuchten Turteltauben;
der Löwe selbst vergaß zu rauben.
In dieser dringenden Gefahr
berief er seiner Räte Schar
um seinen Thron. „Ihr Freunde“, sprach
der Wälder Fürst, „dies Ungemach
scheint unsrer großen Sünden wegen
des Himmels Zorn auf uns zu legen!
Darum bekenne jeder hier,-
was er verbrochen! Selber mir
setz ich wie ändern dies zur Pflicht.
Vielleicht das, wenn ein Bösewicht
den Göttern sich zum Opfer weiht,
ihr Zorn, der uns bisher gedräut,
gelinder wird. Ich sag es frei,
das ich ein großer Sünder sei!
Wie manches Schaf hab ich zerrissen!
Zudem, so sagt mir mein Gewissen,
das ich den Schäfer selbst verzehrt!
Ich bin darum nichts Bessers wert,
als mich für euer aller Leben
zum Sühnungsopfer hinzugeben.“ -
„Ei!“ hub der Fuchs hier schmeichelnd an,
„was Eure Majestät getan,
das schreit noch nicht nach Rach und Blut!
Sie, gnäd’ger Herr, sind allzugut!
Und was Sie sich zu Sünden machen
gehört zu ganz erlaubten Sachen.
Den Tod von ein paar dummen Schafen
wird niemand wohl an Helden strafen.
Nach meinem wenigen Ermessen
kann, solch Kanaillenzeug zu fressen,
kein sonderlich Verbrechen sein.
Der Schäfer geht mit oben ein,
dem' ja ganz recht geschehen ist,
da er die Schafe selber frisst.“
So sprach der Fuchs. Man gab ihm recht.
Vom Tiger-, Bär- und Luchsgeschlecht
bis auf den kahlen Kettenhund,
der, seine Zähne fletschend, stund,
ward alles höflich freigesprochen,
und keiner hatte was verbrochen.
Den Esel traf nunmehr die Reih,
bußfertig trat auch er herbei
und sprach: „Es fällt mir itzund ein,
das ich einsmal auf einem Rain,
der einer Kirche zugehörte,
mit ein paar Handvoll Gras mich nährte.
Der Teufel, glaub ich, war im Spiel,
das mir dies Gras so wohl gefiel.
Es war nicht mein; drum hab ich dran
wohl nicht so völlig recht getan.“
„Oho!“ schrien drauf die ändern alle,
„in welchem unerhörten Falle
befindet dieser Sünder sich!
Dich, groben Kirchenräuber, dich
muß man nach billigen Gesetzen
der ganzen Welt zum Abscheu setzen.
Wie? Kirchengüter zu verzehren?
Was Schrecklichers kann man nicht hören!
Du und der sei dir sogleich gewährt!“
Der Esel ward hierauf zerrissen.
Für Fehler muß der Schwache büßen;
der Mächtige, dem Mut nicht fehlt,
wird auch von Lastern losgezählt.








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