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2014-07-26

Gedichte von E.M.Arndt: Trinklied (39)




Trinklied

Den Becher, den fröhlichen Becher zur Hand!
Bald schiffen wir hin in ein anderes Land,
Wo Tropfen der Traube nicht fließen;
Das rötet kein Morgen mit freundlichem Schein,
Da rufet kein Jubel dem Jüngling zum Reih’n,
Kein lustiges Mädchen zu Küssen.

Dann welket der Frühling, die Freude verstummt,
Wir wandeln von täuschenden Bildern umsummt,
Vergessenheit reicht uns die Schale;
Aus allen fünf Sinnen entflieget allda,
Was droben im lustigen Kreise geschah,
Verklungen sind Sang und Pokale.

Getrunken! getrunken, solang es noch geht!
Der knöcherne Mäher mag mähen, er mäht
Uns alle, den früher, den später.
O Charon, ich rudre mit eigener Hand,
Vom Trunke gestärkt, an den dämmernden Strand
Und grüße die bärtigen Väter.

Wohl wärmet die Göttin der Jugend das Blut,
Doch heißer noch glüht es von Bromius’ Glut
Und sprudelt im heiligen Feuer:
Dann mess’ ich, ein Newton, die kreisende Welt,
Dann schwing’ ich die tönenden Waffen, ein Held,
Dann schlag’ ich, ein Orpheus, die Leier.

Das Leben enteilt wie ein flüchtiger Traum,
Den Jubelsaal trennet ein kärglicher Raum
Nur von dem verstummenden Grabe:
Drum pflück’ ich die Rosen, die heute mir blühn,
Drum brech’ ich die Trauben, die heute mir glühn;
Wer weiß, was ich morgen noch habe?



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