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2014-07-06

Gedichte von J.G.Jacobi: Die Linde auf dem Kirchhofe (24)




Die Linde auf dem Kirchhofe

Die du so bang den Abendgruß
Auf mich herunter wehest,
Zur Wolke schwebst, und mit dem Fuß
Auf Totenhügeln stehest,
O Linde! manche Träne hat
Den Boden hier benetzet,
Und Menschenjammer, blass und matt,
Auf ihn sein Kreuz gesetzet.

Die auf dem einen Hügel hier,
Geweint um ihre Lieben,
Die birgt ein andrer neben dir;
Und ihrer wenig blieben.
Sie schlafen. Ach! um ihr Gebein
Verhallte schon die Trauer;
Du Linde rauschest ganz allein
In atemlose Schauer.

Vergebens läßt auf kühles Grab
Dein Zweig die Blüte fallen,
Vergebens tönt von dir herab
Das Lied der Nachtigallen;
Sie schlummern fort. Du aber schlägst
In modervolle Grüfte
Die Wurzel, schmückest dich, und trägst
Empor die Blütendüfte.

Auf Erden sieht man immer so
Den Tod ans Leben kränzen;
Doch ewig kannst du, stolz und froh,
Die Äste nicht bekränzen.
Es trocknet schon der Jugend Saft
In dir; Verwesung winket,
Bis endlich deine letzte Kraft
Dahin auf Gräber sinket.

Wenn aber dein Geflüster auch
Verstummt an diesen Hügeln,
So bringet neuen Frühlingshauch
Der West auf Rosenflügeln.
Damit die Felder wieder blühn,
Umwallt er Berg' und Gründe;
Will deinen Sprössling auferziehn,
Und krönt die junge Linde.

Wohl uns! Der große Lebensquell
Versiegt dem Geiste nimmer.
Das Kreuz auf Gräbern, wie so hell
In dieser Hoffnung Schimmer!
O Linde! gern an deinem Fuß
Hör' ich des Wipfels Wehen;
Dein feierlicher Abendgruß
Verkündet Auferstehen.



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