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2014-07-06

Gedichte von J.G.Jacobi: An die Rose (6)




An die Rose

Rose, komm! der Frühling schwindet;
Veilchen haben dich verkündet,
Maienblumen starben hin:
Öffne dich beim Lust-Getöne
Dieser Fluren; komm, o schöne,
Holde Blumen-Königin!

Als du kamst im ersten Lenze,
Hingen tausendfache Kränze
Schon um Anger, Berg und Tal;
Ufer lockten, Wälder blühten,
Pomeranzen-Haine glühten
Weit umher im Sonnenstrahl.

Libanons umwölkte Gipfel
Hoben ihre Cedern-Wipfel
Duftend in den Morgenschein;
Doch auf dehmutsvollem Throne
Solltest du der Schöpfung Krone,
Der Geschaffnen Wonne sein.

Und du gingst mit leisem Beben
Aus der zarten Knosp' ins Leben;
Erd' und Himmel neigten sich;
Und es huldigten die Wiesen;
Nachtigallen-Chöre priesen,
Alle Nymphen liebten dich.

Goldne Schmetterlinge schlugen
Froh die Flügel; Winde trugen,
Wo die Luft in Jubel war,
Deinen Balsam; Herzen pochten
Dir entgegen; Mädchen flochten
Unter Perlen dich ins Haar.

Die von Weiber-Armut sangen,
Mahlten sie mit Rosen-Wangen;
Jede Seele, gut und mild,
Arglos, unschuldvoll, bescheiden,
War in ihren höchsten Freuden
Dein getreues Ebenbild.

Und der Schönheit und der Jugend
Wächterinnen, Scham und Tugend,
Zu den Knospen hingebückt,
Hüllten unter deinem Nahmen
Ihr Geheimnis; Bräute kamen
Nicht umsonst mit dir geschmückt.

Da begann der rohe Zecher,
Den von dir umblümten Becher
Keuschen Grazien zu weihn.
Allen Helden, allen Göttern
Ging das Volk mit deinen Blättern
Weg und Tempel zu bestreun.

Mit verjüngtem Herzen schlichen
Greise zu den Wohlgerüchen
Deines vollen Kelchs herbei;
Lehrten segnend ihre Söhne:
Das hienieden alles Schöne,
Selbst die Rose sterblich sei.

An des Freundes heil'gem Grabe
Wurdest du zur letzten Gabe
Seinem Schatten dargebracht;
Solltest ihm den Pfad umschlingen,
Tränen ihm und Küsse bringen
In die leere Todes-Nacht.

Fromme singen an zu loben,
Sahn gen Himmel, ließen droben,
Zwischen Palmen ewig grün,
In des Paradieses Hallen,
Wo die reinen Geister wallen,
Dich zum Sieges-Kranze blühn.



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