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2014-07-07

J.G.Jacobi- Gedichte: Die Unschuld (27)




Die Unschuld

Um der Gottheit Glanz
Hatten jauchzende Sonnen
Ihren Lauf begonnen,
Engel ihren Feiertanz;
Aus der Gottheit Glanz,
Engeln gleich, im Jubel gebohren,
Mischte sich, zur Führerinn erkoren,
Unschuld in den Tanz.

Dort, auf leichter Flur,
Im unsterblichen Lenze
Blühn der Unschuld Kränze,
Folgt der Seraph ihrer Spur;
Aber auf der Flur
Unterm Mond, im Schatten der Erde,
Wandelt sie mit kindlicher Geberde
Bei der Einfalt nur;

Will im Maienlicht
Hier an irdischen Bächen
Volle Rosen brechen;
Und die Dornen kennt sie nicht.
Hier vom Mayenlicht
Aufgeweckt am täuschenden Morgen,
Lächelt sie herbei die nahen Sorgen –
Ach, und weiß es nicht!

Mit der Engels-Hand
Unsre Lämmer zu weiden,
Geht auf armen Heiden
Sie, von Wenigen gekannt;
Aber, auch verbannt,
Gibt sie noch, in niedriger Hülle,
Wonn' und Trost und Herrlichkeit die Fülle
Seelen, ihr verwandt.

Ach! sie selber flieht
Mit den kindlichen Scherzen;
Doch in keinem Herzen
Stirbt ihr holdes Wiegenlied:
Wer den Säugling sieht
An die Brust der Mutter sich drücken,
O, der fühlt, das ihn mit Himmelsblicken
Unschuld an sich zieht.

Wenn dein Warnen schon
Oft den Frevler empöret,
Unschuld! dennoch höret
Später er den ernsten Ton.
Jeder Erden-Sohn
Fleht zu dir am letzten der Tage,
Das ihn nicht dein Auge dort verklage
Vor des Richters Thron.

Aus der Gottheit Glanz
Sind die Seelen gebohren,
Allesammt erkoren,
Dich zu sehn im Sternenkranz;
Um der Gottheit Glanz
Hält mit dir, dem schönsten der Engel,
Jeder Geist in Welten ohne Mängel
Seinen Feiertanz.



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