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2014-08-06

Klabund- Baladen, Mythen u.Gedichte: Verse aus dem Gefängnis (140)




Verse aus dem Gefängnis

Militärgefängnis Nürnberg, April 1919

1.

Zuerst rannte ich mit dem Kopf gegen die Wand
Und rüttelte an den Stäben.
Ich verfluchte Tod und Leben
Und steckte mit meinem feurigen Blick das ganze Gefängnis in Brand.
Das vergitterte Fenster oben war blind und klein.
Ich wusste nie, ob die Sonne schien oder Regen.
Ich hungerte und hatte tausend Mägen,
Und ich wollte so gerne mein eigener Enkel sein.
Dann warf ich mich auf die Pritsche hin.
Eine Schale Suppe ist durch die Tür geschwebt.
Ich habe wie ein hungriger Menagerielöwe gebebt.
Einmal ging ein Frauenschritt auf dem Gang vorüber. Der Schritt einer Königin.
Schließlich bin ich davon überzeugt, dass ich ein Verbrecher sei,
Und dass ich mit vollem Recht unschädlich gemacht bin.
Ich dulde es, dass ich vom Wärter verlacht bin,
Und ich fühle, dass er so etwas wie ein Cherubim mit Flammenschwert und
meiner Taten Rächer sei.
Einmal wird die Tür sich öffnen und wie eine Gnade
Wird mir die edle Freiheit wieder von Gott gewährt.
Ich stürze sofort in ein erstklassiges Hotel und bade
Und gehe in die Reitschule und besteige mein Lieblingspferd.
Ich glaube, es hieß Mimi, wie das zarte Mädchen in dem bekannten Bohème-Romane,
Und ich jage durch den englischen Garten und reite durch Felder von Korn und Mohn,
Und ich rase und schwinge der Sonne rote Fahne
Und ich reite voran der himmlischen Revolution.

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