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2014-09-20

Gedichte von B.H.Brockes: Der gestirnte Baum (3)




Der gestirnte Baum

Die Zweige, welche sonst durch grünes Laub verdecket, 
Sind auch anietzt aufs neu verstecket.
Ein rauher Reiff, der alles ietzt erfüllet,
Hat auch die kleinsten Zweig’ umgeben und verhüllet; 
So, das der Bäume Wipfel sich in ihren groß- und kleinen Zweigen,
Absonderlich von weiten, eigentlich,
Als wären sie aufs neu belaubet, zeigen:
Zumahl wenn sich der Reiff mit Sternen-förm’gen Schnee,
Der mit den Spitzen sich an seine Theilchen hänget,
Und ihn dadurch noch luckrer macht, vermenget.

Ich habe solchen Baum einst Wunder-Wunder-schön, 
In einer Winter-Nacht, gesehn:
Als der entwölckte Mond auf die gefrornen Spitzen, 
Indem es eben starck gereifft,
Und der gefrorne Schnee sich überall gehäufft,
Mit hellem Schimmer fiel. Man sah’ ein helles blitzen
So kräfftig, starck und hell, das sie nicht anders schienen, 
Als Sterne erster Gröss’ an den Sapphirnen Bühnen.

Ich ward recht in der That dadurch betrogen.
Denn, wie ich mein Gesicht von unten aufwärts wandt’, 
Um, durch den Baum, des Himmels blauen Bogen 
Bewundernd anzusehn, und ihn voll Sterne fand, 
Die ich sonst nie gesehn; erstaunt ich, bis ich klar 
Erblickte, wie die glatten Spitzen
Vom hart gefrornen Schnee, mit einem hellen blitzen, 
Der neuen Sternen Ursprung war.

Zwar wird mein Auge fast, in diesem hellen Schein, 
Geblendet und verwirrt; allein 
O grosses All! Ach! laß die Creatur
Uns offt, wann wir mit Lust derselben Schmuck verspühren,
Auf solche Art verwirrt, auf die gewünschte Spur
Von Deiner Wunder-Grösse, führen!

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