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2014-09-20

Gedichte von B.H.Brockes: Der gestirnte Himmel (4)




Der gestirnte Himmel
SIR. XLIII, 9

Es leuchtet das ganze Himmlische Heer in der
Höhe am Firmament, und die hellen Sterne zieren den Himmel.
Als unser Teil der Welt sich neulich West-wärts lenkte,
Und in das dunkle Reich der külen Schatten senkte:
Hatt’ ein sanft rauschendes und tröpfelnd Wolken-Naß,
So in der Luft gekocht, vom Himmels-Samen schwanger,
Das dürre Feld, den durstgen Anger,
Das lechzende Gesträuch, das welke Laub und Gras
Genetzt, getränkt, erquickt, erfrischet,
Des Himmels männlich Feur mit ird’schem Salz gemischet,
Und neue Fruchtbarkeit im Schoß der Erde bracht.
Es weht’ ein frischer Wind aus kühler Mitter-Nacht;
Der Himmel ward hiedurch von Duft und Dunst geläutert,
Das Grenzenlose Reich des Luft-Raums ausgeheitert,
Und stellt, mit solcher Wunder-Pracht,
In unergründlich-tiefer Ferne
Der dünnen Luft, solch eine Menge Sterne
Den starren Augen vor; daß, bey so heiterm Schein,
Das düst're Blau ganz silbern schien zu seyn:
Des ganzen Firmaments sonst dunkelblaues Reich
Sah einem weißlichen gestirnten Milch-Weg gleich.
Das Auge kann an den gestirnten Höhen
Ein ewig Freuden-Feur mit tausend Freuden sehen,
Das GOTT zur Ehre stral’t und unverbrennlich brennt.
Aus tausend Lichtern stammt ein allgemeines Licht,
Durch welches jedennoch, mit immer regem Stral,
So mancher Sternen Glanz mit stärkerm Funkeln bricht,
Und es bald stärkt, bald schwächt. Hier flammten ohne Zal
Viel tausend, welche teils, wie schütternde Rubinen
In rötlich-reger Glüht, teils Diamanten gleich
(Doch welch ein Edelstein war je so Feuer-reich?)
Mit blendendem Schnee-weissen Blitzen, schienen.
Jedweden sichtbar’n Stern umhüllt’ ein weisser Schein
Von Sternen, die in ungeheuren Höhen,

So wie das Sternen-Heer des Milch-Weg's, nicht zu sehen:
Daher schien jeder Stern ein Sieben-Stern zu seyn.
Ob diesem der Natur so weiten Schau-Platz starrt
Mein drin versinckend Aug'; die Seele wird gerühret;
Es lässt, als wenn mein Hertz des Schöpfers Gegenwart
In unaussprechlicher Pracht, Gröss' und Klarheit spüret.
Mich deucht, ob säh' mein Geist den unsichtbaren Gott,
Der selbst der Ewigkeit Unendlichkeiten füllet,
Der Seraphinen Herrn, den Herrscher Zebaoth,
Als wär' Er in ein Kleid von Glantz und Licht gehüllet,
In ein unendlich Kleid, drauf, statt der Edelsteinen,
Viel tausend tausend Sonnen scheinen,
Statt Perl und Gold, viel Millionen Erden.
Ach! rief ich, möcht' ich, dieß recht zu betrachten, taugen!
Ach! möchte Leib und Geist, zu Gottes Ehr', zu Augen,
Und dann, zu seinem Ruhm, zu lauter Zungen werden!


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