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2014-09-24

Gedichte von B.H.Brockes: Die Trauben (17)




Die Trauben

Gewiß, es wird ein Mensch kaum glauben,
Wie manche Farbe sich auf reifen Trauben
Mit Licht und Schatten mischt,
Und ein drauf achtend Aug’ erfrischt.

Hier siehet man so manches kleine Licht,
Das durch der Blätter Oeffnung bricht,
Dort sieht man manchen kleinen Schatten
Bald von den Beeren selbst, bald von den Stengeln,
Die nebst den Häklein sich so artig drehn und schlängeln,
Sich mit viel bunten Farben gatten.
Hier wird ein helles Rot, und dort ein lieblich Grau
Span-Saft-und dunkelgrün, gelb, weißlich, Purpur, blau,
Wenn durch den Sonnen-Stral jedwede glänzt und funkelt,
Durch kleine Schatten schnell zerteilet und verdunkelt.
Es scheinet, wenn auf einer glatten Beere
Der Sonnen Licht oft eine Stell’ erhellt,
Und dann von Stengeln drauf ein kleiner Schatten fällt;
Als ob ein Stengel recht darauf gezeichnet wäre.

So wie der Mond, nachdem auf ihn die Sonne straft,
Sich bald im halben Licht’, und bald im ganzen mal’t :

So wird von diesen runden Beeren
Die eine Seiten-Werts, die andere ganz,
Nachdem bald Seiten-Werts, bald vorn der Sonnen Glanz
Sie rühret; angestrahlt und hell gemacht,
So das ich oft in ihrer kleinen Ründe
Zugleich ein kleines Bild von Mond und Sonne finde.
So viel Vertiefungen und Höhen
Als wir an einer Traube sehen,
So mancher Grad vom halben Licht,
Von zartem Wieder-Schein,
Gebrochenen Farben, klaren Schatten,
Die, da sie sich so lieblich gatten,
Nur bloß den Künstlern sichtbar sein;
Vergnügen ein drauf achtendes Gesicht.

Der Trauben zierliche Figur,
Da sie, wie wir mit Anmut sehen,
Aus vielen Kügelchen bestehen,
Ist recht ein Kunstwerk der Natur,
Das wohl betrachtens-wehrt,
Indem ein Stängel solche Menge
Von Beeren trägt und ernährt,
So das sie durch ihr eigenes Gedränge
Da sie so nah beisammen sitzen,
Sich nicht verdrängen, sondern stützen.

Die vollkommenste Figur
Ist ja die Ründe in der Natur.
Da an den Trauben nun sich alle Beeren ründen;
Ist fast kein lieblicher Gewächs zu finden.
Wird Jsis als ein viel-gebrüstet Weib
Uns vorgestellt; so kommt oft eine Traube mir
Als wie ein solcher Jsis-Leib,
Mit vtelen kleinen Brüsten, für.

Das zierlich eingekerbt- und nett-gezackte Laub,
Wodurch die Adern sich bis an die Ecken,
Voll klares Safts, wie Blut, erstrecken,
Ist recht verwunderlich gewebt. Solch eine Menge
Stets wieder auf das neu geteilter zarter Gänge
Durchflicht das ganze Blatt, wodurch es sich vereint,
Und, wie ein grünes Fleisch, voll grüner Adern scheint.
Ein Blatt beschattet oft das ander, und vermehret,
Durch seine dunkle Zierlichkeit
Der Schatten, Bildungen und Farben Unterschied.
Ich werde hierdurch aufs neu gerührt und belehret,
Das, wie sich nichts von selbst macht,
Aufs wenigste für solche Pracht
Dem Schöpfer Lob und Preis gehöret.
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