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2014-09-26

Gedichte von B.H.Brockes: Erbauliche Betrachtung schnell-vergehender Wolcken (22)






Erbauliche Betrachtung schnell-vergehender Wolken 

1.

Ich sitze hier und seh den Düften,
Wie sie sich, in den regen Lüften,
Formiren, mit Bewund'rung, zu.
Wie sie sich bilden und entbilden,
Sich hier versilbern, dort vergülden,
In steter Aend'rung, ohne Ruh.

2.

Bald sieht man sie sich schnell verdunkeln;
Bald wie Rubin und Purpur funkeln,
Durch wechselnden Empfang des Lichts.
Bald gleichen sie erhabnen Bergen,
Bald werden sie zu kleinen Zwergen;
Bald sind sie klein, bald grob, bald nichts.

3.

So schnell formieren sich Figuren,
So schnell vergehn die Kreaturen
Dort oben in der Lüfte Reich:
Allein! sind Körper, die auf Erden,
Dem Schein nach, fest gefunden werden,
Nicht ihnen fast an Dauer gleich?

4.

Die Blumen, welche man im Lenzen,
In zierlichsten Gestalten glänzen,
Und schön an Form und Farben sieht,
Sind oftermals in wenig Stunden
Verwelket, ihre Pracht verschwunden,
Und, eh man sichs versieht, verblüht.

5.

So gar auch von der Menschen Leben
Kann ein Gewölk ein Beispiel geben;
Kann nicht, mit Recht, ein Fels, ein Stein
Zu uns, wie wir zum Wolken, sagen:
Wie laßt ihr euch so schnell verjagen,
Wie ist doch eure Dau'r so klein!

6.

Da ihr fast sterbt, wann ihr entstehet,
Im Kommen gleichsam schon vergehet,
Wie schleunig seid ihr nicht mehr da!
Doch, lieber Stein, du magst nur schweigen;
Du kannst uns keinen Fehler zeigen:
Es ist des Schöpfers Ordnung ja.

7.

Zudem da Dinge dieser Erden
Das, wofür sie gehalten werden,
Nur bloß Vergleichungs-weise sein;
Und wie ein Ton, für sich betrachtet,
Nicht hoch, nicht niedrig wird geachtet,
So ist, für sich, nichts groß, nichts klein.

8.

Es sollen mir denn Stein' und Eisen
Nicht meiner Dauer Vergleichung weisen,
Ich gehe zu der schnellen Luft;
Da wirst du ja nicht leugnen können,
Das wir uns nicht so plötzlich trennen,
Als wie ein stets-vergeh'nder Duft.

9.

Man tut dann wohl, es umzukehren,
Das wir vom Duft uns lassen lehren,
Das wir so plötzlich nicht vergehn;
Das tausend Ding' auf dieser Erden,
Wenn sie mit uns verglichen werden,
So lange nicht, als wir, bestehn.

10.

Ja, wär' uns Menschen auch ein Leben
Von grössrer Dauer, als Stein, gegeben;
Wär' es doch eine kurze Zeit:
Man würd' es nicht einst rechnen können,
Und wäre kaum ein Punkt zu nennen,
Verglich mans mit der Ewigkeit.

11.

Noch mehr; verlischt die Lebens-Kerze,
So traure darum nicht, mein Herze,
Das sie nicht länger brennen kann.
Wenn etwa Seel' und Leib sich trennen,
Mußt du dies kein Vergehen nennen;
Die Aend'rung geht den Leib nur an.

12.

Der Schöpfer hat dein wahres Wesen
Zu einer grössern Dauer erlesen;
Indem er selber ewig ist.
So tut man wohl, wenn ihm zu Ehren,
Man, unsrer Seelen Dauer und Währen,
Nach seiner ew'gen Liebe mißt.

13.

Drum wünscht nicht länger hier zu bleiben,
Als, unser Ziel uns vorzuschreiben
Beschlossen hat, der uns gemacht.
Wenn unser Lebens-Docht verlodert,
Und uns der Schöpfer zu sich fordert
So saget fröhlich: gute Nacht!
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