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2014-09-28

Gedichte von B.H.Brockes: Lieblichkeiten des Frühlings (29)




Lieblichkeiten des Frühlings

In dieser den Winter vertreibenden Lentzen-Zeit
Belebet sich alles im Reiche der Sonnen;
Erfüllet sich alles mit Anmuth und Lieblichkeit:
Der fröhliche Weinstock hat Augen gewonnen.
Es eirckelt in Bäumen ein nähernder Lebens-Saft.
Die Knospen erheben sich, schwellen und bersten.
Es deckt sich der Acker, voll gährender Wunder-Kraft,
Mit grünenden Spitzen von Haber und Gersten.
In Wäldern erfolget durch wachsender Blätter Pracht,
Von denen jetzt gleichsam umnebelten Wipfeln,
Auf grünlicher Dämm'rung, die liebliche Schatten-Nacht.
Es sprießen aus scharfen erhabenen Gipfeln
Bewachsener Berge, die Kräuter jetzt überall.
Und füllen mit duftigem Balsam die Lüfte.
Es schwebet der schertzende, schwätzige Wiederhall
Um ihre bemoste verwachsene Klüfte.
Das dunkle Gebüsche, den schattigten Wald, erfüllt
Der schlagenden Nachtigall schmetterndes Schallen.
Es springet im blumigten Grase das junge Wild,
Und fühlet in Adern ein kitzelndes Wallen.
Jetzt murmelt und rauschet und rieselt die rege Fluth.
Auf wallender Wellen beweglichen Spitzen
Entwirft und formiret der strahlenden Sonnen Glut
Viel funckelnde Bilder in schimmernden Blitzen;
Man sieht, mit Ergetzen, die Blitze verwunderlich
In tausend beweglichen Spiegeln sich brechen.
Die Fluth, wie ein lebender Silber-Fluß, schlängelt sich
Durch grünender Felder smaragdene Flächen.
Der glänzenden Gärten bezauberndes Lust-Revier,
In welchem jetzt alles verherrlichet blühet,
Beflammet die Blicke mit feuriger Farben Zier,
Da alles fast weniger gläntzet, als glühet.
Indem nun, im Frühling, in Lüften und in der Fluth,
In Thälern, auf Bergen und Flächen der Erden,
Der herrliche Schöpfer unzählige Wunder thut;
So lasst uns uns freuen, um danckbar zu werden!
Es strahlet, durch Göttliches Wollen, das Sonnen-Licht;
Die Körper sind sichtbar; Gott schenckt uns die Augen:
Wofern nun die Menschheit so träg ist, und sieht sie nicht;
Was kann doch den Fehl zu entschuldigen taugen?
Drum, weil ich den Schöpfer nicht anders erheben kann,
Als wenn ich sein Wirken empfind und erzehle;
So seh ich betrachtend, mit Freuden, die Wunder an,
Und opfer' ihm meine bewundernde Seele.
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