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2014-09-02

Gedichte von Novalis: Das Gedicht (3)




Das Gedicht

Himmlisches Leben im blauen Gewande,
Stiller Wunsch in blassem Schein —
Flüchtig gräbt in buntem Sande
Sie den Zug des Namens ein —

Unter hohen, festen Bogen,
Nur von Lampenlicht erhellt,
Liegt, seitdem der Geist entflogen,
Nun das Heiligste der Welt.

Leise kündet beßre Tage
Ein verlornes Blatt uns an,
Und wir sehn der alten Sage
Mächtige Augen auf getan.

Naht euch stumm dem ernsten Tore,
Harrt auf seinen Flügelschlag
Und vernehmt herab vom Chore,
Wo weissagend der Marmor lag.

Flüchtiges Leben und lichte Gestalten
Füllten die weite, leere Nacht,
Nur von Scherzen auf gehalten,
Wurden unendliche Zeiten verbracht —

Liebe brachte gefüllte Becher,
Also perlt in Blumen der Geist,
Ewig trinken die kindlichen Zecher,
Bis der geheiligte Teppich zerreißt.

Fort durch unabsehliche Reihn
Schwanden die bunten, rauschenden Wagen,
Endlich, von farbigen Käfern getragen,
Kam die Blumenfürstin allein.

Schleier, wie Wolken, zogen
Von der blendenden Stirn zu den Füßen,
Wir fielen nieder, sie zu grüßen —
Wir weinten bald — sie war entflogen.


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