> Gedichte und Zitate für alle: Gedichte von Novalis: Der Fremdling (4)

2014-09-02

Gedichte von Novalis: Der Fremdling (4)




Der Fremdling


Müde bist du und kalt, Fremdling, du scheinest nicht 
Dieses Himmels gewohnt - wärmere Lüfte wehn 
Deiner Heimat und freier 
Hob sich vormals die junge Brust.

Streute ewiger Lenz dort nicht auf stiller Flur 
Buntes Leben umher? spann nicht der Frieden dort 
Feste Weben? und blühte 
Dort nicht ewig, was einmal wuchs?

O! du suchest umsonst - untergegangen ist 
Jenes himmlische Land - keiner der Sterblichen 
Weiß den Pfad, den auf immer 
Unzugängliches Meer verhüllt.

Wenig haben sich nur deines verwandten Volks 
Noch entrissen der Flut - hierhin und dorthin sind 
Sie gesäet und erwarten 
Bessre Zeiten des Wiedersehns.

Folge willig mir nach - wahrlich ein gut Geschick 
Hat hieher dich geführt - Heimatsgenossen sind 
Hier, die eben, im Stillen, 
Heut ein häusliches Fest begehn.

Unverkennbar erscheint dort dir die innige 
Herzenseinheit - es strahlt Unschuld und Liebe dir 
Klar von allen Gesichtern, 
Wie vorzeiten im Vaterland.

Lichter hebt sich dein Blick - wahrlich, der Abend wird, 
Wie ein freundlicher Traum, schnell dir vorübergehn, 
Wenn in süßem Gespräche 
Sich dein Herz bei den Guten löst -

Seht - der Fremdling ist hier - der aus demselben Land 
Sich verbannt fühlt, wie Ihr; traurige Stunden sind 
Ihm geworden - es neigte 
Früh der fröhliche Tag sich ihm.

Doch er weilet noch gern, wo er Genossen trifft, 
Feiert munter das Fest häuslicher Freuden mit; 
Ihn entzücket der Frühling, 
Der so frisch um die Eltern blüht.

Das das heutige Fest oft noch zurückekehrt, 
Eh den Weinenden sich ungern die Mutter raubt 
Und auf nächtlichen Pfaden 
Folgt dem Führer ins Vaterland -

Das der Zauber nicht weicht, welcher das Band beglückt 
Eures Bundes - und das auch die Entfernteren 
Des genießen, und wandern 
Einen fröhlichen Weg mit Euch -

Dieses wünschet der Gast - aber der Dichter sagts 
Euch für ihn; denn er schweigt gern, wenn er freudig ist, 
Und er sehnet so eben 
Seine fernen Geliebten her.

Bleibt dem Fremdlinge hold - spärliche Freuden sind 
Ihm hienieden gezählt - doch bei so freundlichen 
Menschen sieht er geduldig 
Nach dem großen Geburtstag hin.



alle Gedichte von Novalis                                                     nächstes Gedicht von Novalis

alle Gedichte aus H.v.Ofterdingen von Novalis

Keine Kommentare: