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2014-09-14

Gedichte von R.Baumbach: Die gestohlene Feder (11)





Die gestohlene Feder

Kam ein Mönch vom heil'gen Land 
Aller Schuld entledigt; 
Wo er fromme Seelen fand, 
Hielt er eine Predigt. 
Seinem Wort mit Herz und Ohr 
Lauschte gläubig jeder. 
Schließlich zog der Mönch hervor 
Eine bunte Feder. 
»Liebe Christen«, sprach er fromm, 
»Wer sie küssen will, der komm'! 
Wer sie küsst, an Leib und Seel' 
Wird wie neu geboren, 
Denn der Engel Gabriel 
Hat sie einst verloren, 
Ueber's Meer von Nazareth 
Bracht' ich sie herüber. 
Wem der Sinn auf Gnade steht, 
Zahle einen Stüber.« 
Und sie kamen groß und klein, 
Und des Mönches Opferschrein 
Quoll von Silber über. 
Leider gibt es auf der Welt 
Niederträcht'ge Seelen, 
Die, was ihnen wohlgefällt, 
Wenn sie können, stehlen. – 
Einer, dem in's Auge fiel 
Lockend das Mirakel, 
Stahl den heil'gen Federkiel 
Aus dem Tabernakel, 
Und in den Reliquienschrein, 
Den er frech bestohlen, 
Schloss er, was kann schlechter sein? – 
Schnöde Ofenkohlen.

Als der Mönch am Tag darauf 
Segen mild erteilte, 
Und der glaubensstarke Hauf 
Nach der Feder eilte – 
Wie das rote Blut ihm da 
Wich aus dem Geäder, 
Als er schwarze Kohlen sah 
Statt der Engelfeder. 
Doch er sprach geschwind gefasst: 
»Ei, wie ist's geschehen, 
Dass ich mich in Eil' und Hast 
Also hab' versehen, 
Dass ich heut aus meinem Kram 
Mit die heil'gen Kohlen nahm? 
Aber Gnade wird zu Teil 
Euch darum nicht minder. 
Kommt und schaut zu eurem Heil, 
Männer, Weiber, Kinder! 
Diese Kohlen, reichen Trost 
Spenden sie und Segen, 
Denn Sankt Lorenz auf dem Rost 
Drüber ist gelegen. 
Kommt und lasst das Angesicht 
Euch damit bestreichen. 
Wer das Feuer und das Licht 
Meidet, der verbrennt sich nicht 
Unter diesem Zeichen.«

Um die Kohlen drängten sich 
Männer, Weiber, Dirnen, 
und der schlaue Mönch bestrich 
Allem Volk die Stirnen. 
Manchen blanken Groschen ein 
Strich der Vagabundus. – 
Welt, du willst betrogen sein! 
Decipi vult mundus.



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