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2014-09-15

Gedichte von R.Baumbach: Die Reise ins Paradies (14)






Die Reise ins Paradies

Ging ein armes Schülerlein 
Matt am Wanderstecken.
Rief die Bäurin; »Kommt herein!« 
Bot ihm Brei und Wecken, 
Und der wege müde Gast 
Setzte sich dahinter, 
Ass und schlang in großer Hast 
Wie ein Wolf im Winter. 
Um sich dann für Brot und Brei 
Dankbar zu erweisen 
Sprach der Schüler mancherlei 
Über seine Reisen 
Und erzählte das und dies 
Von Bologna und Paris.
Rief die Hausfrau: »Paradies? 
Hab' ich recht vernommen? 
Habt Ihr dort den Hans Tobies 
Zu Gesicht bekommen?

Dieser war mein erster Mann 
Und sein Sterben kläglich. 
Seit den zweiten ich gewann. 
Denk' ich seiner täglich.« 
»Freilich hab' ich den gekannt,« 
Sprach der schlaue Fremde. 
»Doch es mangelt ihm Gewand, 
Und er geht im Hemde. 
Wie die arme Seele fror, 
Konnt' ich deutlich sehen; 
An des Paradieses Tor 
Muss sie bettelnd stehen.«

Weinend sprach das gute Weib 
Mit gerungenen Händen: 
»Möcht' ihm gern für seinen Leib 
Wams und Mantel senden. 
Speise auch und bares Geld 
Schickt ich gern dem Toten, 
Aber wo in aller Welt 
Find' ich einen Boten?« 
»Frau, ich will der Bote sein,« 
Sprach der Schelm verschlagen, 
»Denn ich kehre wieder ein 
Dort in vierzehn Tagen. 
Hei, wie wird im Paradies 
Jubeln Euer Hans Tobies!«

Trug die Wirthin flugs herbei 
Mantel, Rock und Schuhe, 
Auch der blanken Gulden drei 
Nahm sie aus der Truhe, 
Und ein gutes Schinkenbein 
Schlug sie in ein Tüchlein ein. 
Der Vagante nahm den Sack, 
Sagte: »Gott befohlen!« 
Und entwich mit seinem Pack 
Auf geschwinden Sohlen.

Bald darauf der Bauer kam, 
Und die Frau erzählte. 
Als er recht die Mär vernahm, 
Wie er schalt und schmälte! 
Dann sein bestes Ackerpferd 
Band er von der Raufe, 
Ritt von dannen stockbewehrt. – 
Schülerlein, nun laufe!

Als der listige Gesell 
Sah den Bauer traben, 
Warf er seine Traglast schnell 
In den Wegegraben, 
Lehnte sich auf seinen Stab 
Wie ein müder Wanderknab.

Hielt der Bauer an und frug: 
»Heda! Saht Ihr Keinen, 
Der ein weißes Bündel trug?« – 
Hei, das will ich meinen. 
Als Ihr kamt, da ward ihm bang, 
Durch den Sumpf er weiter sprang 
Mit behenden Beinen. 
So Ihr aber große Eil' 
Habt den Schelm zu fangen, 
Lauft ihm nach; ich halt derweil 
Eurem Ross die Stangen.«

Stieg der Bauer ab vom Gaul, 
Rannte scheltend weiter, 
Und der Schüler war nicht faul, 
Machte sich zum Reiter, 
Tät sich freuen seiner List 
Und von hinnen jagen. – 
Was aus ihm geworden ist, 
Weiss ich nicht zu sagen.

Als zu Fuss der Bauer kam 
Spät nach Hause wieder, 
Setzte er sich still und zahm 
Auf das Bänklein nieder. 
Trat die Frau heran und frug: 
»Hast du ihn gefunden, 
Der das weiße Bündel trug. 
So ich ihm gebunden?« 
»Freilich«, sprach der Mann, ich gab 
Ihm das Ross zur Reise, 
Dass recht bald der wackre Knab 
Kommt zum Paradeise.





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