> Gedichte und Zitate für alle: R. Dehmel: Zwei Menschen: Der Mond erleuchtet scheu ein kleines Zimmer (88)

2014-11-20

R. Dehmel: Zwei Menschen: Der Mond erleuchtet scheu ein kleines Zimmer (88)



12.

Der Mond erleuchtet scheu ein kleines Zimmer;
das Licht durchranken Schatten, viele, viele.
Ein Mann umschreitet schweigend, wie zum Spiele,
die schwarzen Fensterkreuze auf der Diele.
Doch nun, als löse sich ein Blatt vom Stiele,
bebt eines Weibes Stimme durch den Schimmer:

Ich trag ein Kind –von Dir, von Dir –
ich tu meine Wonne auf vor dir –
o trag sie mit mir! gemeinsam! grenzenlos!
Du mußt ja; fühl's doch! ich weiß es und ich sag'es,
mit jedem Pulsschlag sagt mir's Herz und Schoss:
Wir Beide, wir sind Eines Schlages!

Was quälst du uns! o denk an die Nacht zurück,
als sich's erfüllte, dein Weisheitswort vom Glück!
Ja: alle Torheit, alles Leid
sind Ausgeburt der Einsamkeit.

Die Stimme schweigt; der Raum schweigt mit, wie leidend.
Die Fensterkreuze flehn ins kahle Feld;
doch drüber schwebt die fremde fahle Welt.
Der Mann sagt schneidend:

Oh, ich denke an viele Nächte zurück;
jede war voll Wonne – doch Glück? ist Das Glück?
Dein Schoss, ich hab ihn nicht erschlossen:
ein Andrer hatte ihn vor mir genossen.
Und dein Herz – ich wollt mich nicht danach fragen,
aber wieder und wieder mußt ich mir sagen:
die reinste Glückseligkeit zwischen uns Beiden
ist die zwischen Heiden –
und das dein Leib dir nicht heilig gewesen ist,
Das zu vergessen vermag nur ein Christ!

Er stiert plötzlich: es war, als flog
jäh ein Glanz hoch, überirdisch schlank.
Da macht's ihn aufschrein: Lea! – sie wankt –
will fliehn – Er – Licht, Schatten, Alles schwankt –
schwankt Herz an Herz ihr: ich log, ich log!
Zwei Menschen weinen – o Glück! – Dank – Dank –

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