> Gedichte und Zitate für alle: R. Dehmel: Zwei Menschen: Es schwebt ein Klingen übers Eis (30)

2014-11-14

R. Dehmel: Zwei Menschen: Es schwebt ein Klingen übers Eis (30)



28.

Es schwebt ein Klingen übers Eis,
wie ferne Frühlingsstimmen leis.
Blass starrt der See. Auf blitzenden Eisen
fassen sich, fliehn sich zwei Menschen und kreisen.
Jetzt kommt der Mann in scharfem Bogen
vor das Weib herumgeflogen
und fast sie fester und bäumt im Sprung:

Halt! – Gelt, Frau Fürstin, das wär ohne Schwung:
vom Schlittschuhlaufen zum Strümpfestopfen,
vom Radfahren zum Steineklopfen,
das wär doch gar zu harte Bahn?
Ja, du: ich lief durch manchen Wahn,
als mich das Jugendblut noch trieb,
mit offner Hand an jedes Herz zu stürzen,
bis mir am eignen Herd nichts übrig blieb
als wenig Fleisch mit viel Gewürzen.
Zwar, mir ist Mancher zugetan,
so in der Welt, der wohl was opfern würde,
beehrt'ich ihn mit dieser Bürde;
aber – – Er läßt sich rückwärts kreisen.

Blass starrt der See. Sie folgt. Die Eisen
blitzen schriller übers Eis.
Sicher folgt und fragt sie leis:

Und wenn's für dich nun keine Bürde wäre,
Steine für deine arme Herrin zu klopfen?
Und wenn's für mich nun eine Würde wäre,
Strümpfe für meinen reichen Herrn zu stopfen?
Und wenn ich wähnte: das ist kein Wahn,
so ganz bin ich dir zugetan –
und bin dir auch ganz aufgetan –

Sie schreit wild: Lukas! – Ein Knall, ein Sprung,
hoch hat der Mann sie an sich gerissen.
Es donnert unter ihren Füßen,
es klafft. Er bäumt mit ihr im Schwung.
Es ist nur ein ganz schmaler Spalt.
Zwei Menschen lachen, daß es schallt.


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