> Gedichte und Zitate für alle: R. Dehmel: Zwei Menschen: Trüber Tag und dunkle Ahnenbilder (12)

2014-11-13

R. Dehmel: Zwei Menschen: Trüber Tag und dunkle Ahnenbilder (12)



10.

Trüber Tag und dunkle Ahnenbilder,
blinde Spiegel, rostige Wappenschilder;
und hohe Aktenwände. Und inmitten
sitzen zwei Menschen mit seltsam kalten
Anstandsmienen da und halten
Konferenz mit einem dritten.
Dieser blickt korrekt gekleidet
und gelangweilt in die Welt,
während er verbindlichst leidet,
das ein Mann ihm folgenden Vortrag hält:

Hoheit, ich fand in den Archivpapieren,
die ich die Ehre habe zu registrieren,
gewisse halb politische Dokumente,
die Mancher arg mißbrauchen könnte.
Hoheit wissen, die Welt steckt heute
voll explosibler Elemente;
und da in Fürstenhäusern manchmal Leute
antichambrieren,
die Andern in die Karten schauen,
möchte ich lieber meinen Dienst quittieren,
wenn Hoheit mir nicht voll und ganz vertrauen.

Hoheit räuspert sich und blickt voll Schonung
und gelangweilt in die Welt.
Da sich hierauf alles still verhält,
sagt ein Weib mit seltsamer Betonung:

Herr Doktor, wir danken voll Verständnis.
Und, um Vertrauen mit Vertrauen zu ehren:
Hoheit mein Gatte huldigt der Erkenntnis:
dem Lauf der Welt kann Niemand wehren.
Ihr rascher Abschied träfe uns empfindlich;
ein Archivar von gleichen Qualitäten
scheint mir zur Zeit ganz unauffindlich.
Sie sind, Herr Doktor, voll und ganz von nöten.

Sie neigt das Haupt seltsam verbindlich:
Hoheit verneigt sich, wie es Brauch.
Zwei Menschen lächeln; der dritte auch.
 

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