> Gedichte und Zitate für alle: R. Dehmel: Zwei Menschen: Und es tönt aus der Brandung wie Schalmein (71)

2014-11-19

R. Dehmel: Zwei Menschen: Und es tönt aus der Brandung wie Schalmein (71)



32.

Und es tönt aus der Brandung wie Schalmein;
helle Nacht versilbert den fremden Strand.
Langsam wälzen die Wellen den Mondschein ans Land,
in die dunkelroten Kliffe hinein;
da stürzen sie sich die Stirnen ein,
um zurück immer wieder verklärt zu sein –

Es wollt eine Seele sich befrein,
sieh – entfaltet das Weib die Hände –
da ward Tod und Leben ihr zu Schein;
nur der Liebe ist kein Ende.
Ja: so sah es meine Seele im Traum:
es ging Deine Seele wie leuchtender Schaum
aus meinem Körper deinem entgegen.
Ich sah voll Angst, wie ihr doppelt standet:
Ein Haupt hell, Ein Haupt dunkel umströmt von Regen.
Bis ihr, Leib in Geist, ineinander euch fandet
und mich ergriffet. Da sprachst du ein Wort;
wie ein Wirbel klang es. Und über mich fort
stiegen wir, strömten wir lichtflutvermählt
hin in deine, meine, unsre Welt!

Es tönt aus der Brandung wie Geraun –
Horch – raunt der Mann – das Zauberwort:

Ja, es hieß wohl: Wir Welt! Nicht Schein! nicht Traum!
horch, wie's wirbelt: Wrwlt – o Urakkord!
Wrwlt murmeln die Ströme, die großen,
wenn sie zusammenkommen im Meere!
Wrwlt jubeln die Sternenchöre,
Wrwlt die Stürme im Uferlosen!
Wrwlt stammelten die Menschen, als sie noch reine Tiere waren;
stammeln's wieder, alle wieder, die als reine Götter sich paaren
und mit Wellen und Mondlichtschleiern
spielend ihre Freiheit feiern,
die Freiheit, die voll Eintracht spricht:
o gib uns, Welt, Dein Gleichgewicht!

Es tönt aus der Brandung wie Gesang
um ein Menschenpaar im Überschwang.


Alle Gedichte von R.Dehmel                                              nächstes Gedicht aus "Zwei Menschen"

alle Gedichte aus "Zwei Menschen"      

Keine Kommentare: