> Gedichte und Zitate für alle: R. Dehmel: Zwei Menschen: Und sie steigen den bleichen Firnen zu (49)

2014-11-17

R. Dehmel: Zwei Menschen: Und sie steigen den bleichen Firnen zu (49)



10.

Und sie steigen den bleichen Firnen zu,
von dem fernen stummen Blitzdunst umhaucht,
der die schwülen Almen, die Pfade, die dunkle Fluh,
die Hütten, die Heerden in Geisterlicht taucht –
wie verzaubert staunt der Blick einer Kuh.
Groß voll Ruhe, weitauf trunken,
schlürft das Auge die Himmelsfunken,
reglos ragt das Hörnerpaar –

Wie die Götterfürstin starrte,
wenn sie auf den Gatten harrte,
dessen Gruß der Blitzschlag war –
raunt der Mann dem schauenden Weibe
seltsam zu und macht sich frei.
Ein erstickter Schrei –
sausend zuckt sein Bergstock an ihr vorbei –
und ein Schritt, und funkelnd mit peitschendem Leibe
speit unter seinem knirschenden Schuh
eine Viper den letzten Blick ihr zu,
noch tödlich lauernd.
Schützend, schauernd
naht ihr seine Stimme: Du –
innig bis ins bangste Mark:
Lea! meine Löwin! sei stark!

Sie hat die großen Augen geschlossen;
wie ein klein Mädchen steht sie da
mit ihrer Haut voll Sommersprossen,
bleich vom Glanz der Blitze umflossen.
Wie verzaubert nickt sie: Ja –

ich weiß nit, wie mir eben geschah –
halt mich noch ein Weilchen umfangen,
du warst so ruhig, bleib mir nah –
ich wußt ja nit: mir graut vor Schlangen –
bis unters Herz ist mir's gegangen –
o geh mit deiner Löwin, Du:
ich glaub, ich bin – lach nit – dei' Kuh –

Und zwei Menschen segnen ihr Todesbangen.

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