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2014-12-23

Gedichte von R. Dehmel: Landstreichers Lobgesang (48)




Landstreichers Lobgesang

Jetzt bin ich endlich mit der Welt allein;
sing, Seele, sing dich von der Menschheit rein!
Sie klagt in einem fort, still oder schrill,
das keine Seele sein kann, was sie will;
das ist gemein.

Ich will heut Nacht kein Bett noch Essen haben;
ich will mich am Geruch des Frühlings laben!
Die Knospen platzen all vor Trunkenheit;
ihr in der Stadt, ihr platzt vor Futterneid.
Das tat mir leid.

Ich ging von Haus zu Haus: sing, Seele, sing:
Erbarm dich, Mensch, und sei kein Kümmerling!
Geh in den Wald, da lacht der Sternenschein:
Sing, freie Seele, sing! Was kannst du sein?
Herrin des Frühlings!

Du kannst dir jeden Ast zum Zepter nehmen;
der Tau beträufelt dich mit Diademen.
Du trägst ein Schleppkleid von Milliarden Blüten;
das brauchst du nicht vor Mottenfraß zu hüten,
sie welken bald.

Sie welken, Seele, um dich zu erfreuen:
Du darfst dein Reich in alle Lüfte streuen!
Wenn dir das nicht gefällt, dann komm, schlag drein!
Sing, Seele, sing! Was kannst du sonst noch sein?
Magd des Sommers!

Da darfst du Tag für Tag die Hippe zücken,
siehst Schwad an Schwad vor dir zusammenknicken,
stellst Korn in Garben, oder läßt es liegen,
damit die Spatzen was zu fressen kriegen;
freut dich das nicht?

Nachts hörst du dann die jungen Mäuse pfeifen;
fühlst, Schatz, wohl auch was unterm Schnürleib reifen?
Wenn nicht, so geh und hör die Hengste schrein!
Sing, Seele, sing! Du kannst auch männlich sein!
Sei Knecht des Herbstes!

Geh in den Weinberg, pflück die vollen Trauben;
kannst auch Kartoffeln aus dem Acker klauben.
Kartoffeln geben Schnaps für arme Luder;
Wein ist für Kenner, und die besten Fuder
schluckt die Nachwelt.

Dann gleichst du selbst den ausgepreßten Trebern
und nährst die Rasenwurzeln auf den Gräbern.
Wird dir das lästig, so zerspreng den Stein!
Sing, Seele, sing! Du kannst noch freier sein!
Herrgott des Winters!

Herrgott, wie stärkst du da die schwachen Kräfte:
da spannst und spornst du die erstarrten Säfte,
bis dir die eisige Haut vom Körper birst,
worauf du wieder Frühlingsgöttin wirst,
du freie Seele!

So zog ich durch die Stadt und sang euch an,
bei Tag und Nacht, ihr Menschen, Weib wie Mann.
Bei Nacht, da brannte immer künstlich Licht,
doch auch bei Tag verstandet ihr mich nicht;
euch rief die Pflicht.

Mich ruft die Kraft; ich nahm den Stock und ging.
O Menschheit, dich beschämt ein Schmetterling!
Hier schwirrt er vor dir her im Sternenschein,
erhabner Untertan der Welt allein;
sing, Seele, sing! -


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