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2015-01-16

Gedichte von L.H.C.Hölty: Das Traumbild (13)




Das Traumbild

Wo bist du, Bild, das vor mir stand,
Als ich im Garten träumte,
Ins Haar den Rosmarin mir wand,
Der um mein Lager keimte?
Wo bist du, Bild, das vor mir stand,
Mir in die Seele blickte
Und eine warme Mädchenhand
An meine Wange drückte?

Nun such ich dich, mit Harm erfüllt,
Bald bei des Dorfes Linden,
Bald in der Stadt, geliebtes Bild,
Und kann dich nirgends finden.
Nach jedem Fenster blick ich hin,
Wo nur ein Schleier wehet,
Und habe dich, o Lieblingin,
Noch nirgends ausgespähet.

Komm selber, süßes Bild der Nacht,
Komm mit den Engelsmienen
Und in der leichten Schäfertracht,
Worin du mir erschienen!
Bring mit die schwanenweiße Hand,
Die mir das Herz gestohlen,
Das purpurrote Busenband,
Das Sträußchen von Violen;

Dein großes, blaues Augenpaar,
Woraus ein Engel blickte,
Die Stirne, die so freundlich war
Und guten Abend nickte;
Den Mund, der Liebe Paradies,
Die kleinen Wangengrübchen,
Wo sich der Himmel offen wies,
Bring alles mit, mein Liebchen!


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