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2015-01-17

Gedichte von L.H.C.Hölty: Der Traum (19)




Der Traum

Steh mir immer am Haupt, wenn mich des Morgenschlafs
Leiser Fittich umweht, lächelnder Wonnetraum,
Der mich in die Gefilde,
Wo die Seligen wohnen, rief.

Eine Wolke von Gold, wo ein bepalmeter
Bote Gottes, im Klang schmelzender Lieder, stand,
Trug mich, schnell wie Gedanken,
In ein blumiges Eden hin.

Rosenblütengeruch wehte vom Ufer her,
Wo der Wechselgesang wirbelnder Harfen scholl
Und die Seelen und Engel
Ihre Jubel verschwisterten.

Singer, Laura, Petrarch, saßen im Kreis umher,
Ihre Lauten am Arm, Vögelgetön erscholl
In die Lauten, und Wohlklang
Floß vom Flügel der Abendluft.

Wonnetränen im Aug, Tränen der Seligkeit,
Wallte Meta daher, Engel enttrockneten
Ihr die Tränen, und meine
Minna folgte der Wallerin.

Sie entwand sich dem Arm ihrer Gespielin, flog
Mir entgegen und goß, unter der grünen Nacht
Einer flüsternden Myrte,
Sich urplötzlich an meine Brust.

Wand den liebenden Arm mir um die Brust herum,
Blickte zärtlich mich an, küßte mit Engelskuß
Meine Lippen. Die Myrte
Rauschte Silbergelispel drein.

Geister folgeten uns, Laurens verklärter Geist,
Hand in Hand mit Petrarch, lagerten sich mit uns
In die Kühle der Blumen
Und begannen mit uns Gespräch.

Plötzlich tönte der Hahn dreimal den Feierhall
Seines Morgengesangs, plötzlich entschwanden mir
Alle goldenen Szenen
Mit der Schwinge des Morgentraums.


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