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2015-01-17

Gedichte von L.H.C.Hölty: Der Winter (20)




Der Winter

Die Erde trau’rt im weißen Totenkleide
Und übergibt sich träger Ruh.
Kein Westwind haucht dem Wandrer Scherz und Freude
Mit frischen Veilchendüften zu.

Der Ströme und der Bäche Urnen schließet
Des wilden Winters kalte Hand;
Und Boreas durchwühlt die Luft und gießet
Ein Meer von Flocken auf das Land.

Nun sinken auf die Wälder Silberhüllen,
Und auf das fahle Hüttendach
Des Landmanns. Hohe Schneegebürge schwillen
Rings um den kleinen Wiesenbach.

Er murmelt keine Wonne durch die Fluren,
Wie er im jungen Frühling tat.
An seinem Ufer schlummern welke Spuren
Der Blume, die der Frost zertrat.

Der Landschaft vormals bunte Szenen liegen
Entstellt. Ein finstrer Schlei’r umzieht
Des Tages Antlitz. Neue Flocken fliegen
Im Luftraum, wo kein Phoebus glüht.

Sei mir, du Flur, du weißgeschlei’rte Erde,
Gegrüßet! Deine Majestät
Bezaubert mich, wiewohl jetzt keine Herde
Auf deinen öden Triften geht

Und keine Harmonie die Schattengänge
Des Waldes füllt. Ich liebe dich
Mehr als den Flitterprunk und das Gedränge
Der Stadt, von der die Ruhe wich.

Die Schönen wandeln hier im Hermeline
Den Bällen zu, und Chloe fängt
Mit ihrem Busen, ihrer Zaubermiene
Den Stutzer, der ihr Weihrauch schenkt.

Die Siegerin! Die Männerblicke hangen
An ihrem Haar, an ihrer Brust,
Die immer wallt, an ihren Rosenwangen,
Und sie ist ihres Siegs bewußt.

Nun rollen, gleich des Windes Flügeln, Schlitten
Durch des gedrängten Pöbels Schwall;
Und Stentor trabt mit abgemeßnen Schritten,
Sobald der Abend winkt, dem Ball

Entgegen, wo sein Lockenbau und Weste
Der Schönen Augen auf sich reißt.
Sein Federhut verrät, er sei der größte
Erfindungsvollste, feinste Geist.

Hier dreht man sich im Tanze,
Der labyrinthisch sich verstrickt,
Und von der jungen Schönen Myrtenkränze
Wird oft ein Blättchen abgepflückt.


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