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2015-01-14

Gedichte von L.H.C.Hölty: An eine Quelle (8)




An eine Quelle

Heil dir, o Bach, der durch die grünen Netze,
Gewebt von Haselstauden, fließt
Und durch die Flur, mit fröhlichem Geschwätze,
Die volle Silberurne gießt.

Der junge Lenz bemale dein Gestade
Mit Regenbögen, lieber Bach:
Stets wähle dich das schönste Kind zum Bade
Und dein Gebüsch umher zum Dach.

Hier ist der Platz, wo jüngst der erste Funken
Der Lieb in meinen Busen sank,
Wo jüngst mein Geist, so wonnevoll, so trunken,
Den ersten süßen Taumel trank.

Verdecket vom Gebüsch, saß ich und blickte
Zum andern bunten Ufer hin,
Wo Chloe saß und Maienblumen pflückte,
Gleich einer jungen Huldgöttin.

Das Abendrot vergoldete die Hügel,
Die falbe Dämmerung umzog,
Wie da mein Geist, auf der Entzückung Flügel,
Fern über alle Himmel flog.

Wie schlug mein Herz! Wie warf ich durch die Decken
Der grünen Zweige Blick auf Blick!
Nichts konnte mich aus meinem Rausche wecken,
Nie wich mein Aug von ihr zurück.

Ich träumte mich in goldne Paradiese,
Sah Nektar und Elysium,
Statt meines Bachs, statt meiner bunten Wiese,
Um meinen trunknen Blick herum.

So saß sie lang auf Maienblumenglocken,
Grub mir ihr Bild in meine Brust
Und band mein Herz an ihre blonden Locken.
Wie schwamm ich nicht im Meer von Lust!

Wie lieb ich dich, o silberweiße Quelle,
Wo Chloe unter Blumen saß
Und mit der Hand, so weiß wie deine Welle,
Die schönsten Frühlingsblümchen las.


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