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2015-01-18

Gedichte von L.H.C.Hölty: Lebenspflichten (33)




Lebenspflichten

Rosen auf den Weg gestreut,
Und des Harms vergessen!
Eine kleine Spanne Zeit
Ward uns zugemessen.

Heute hüpft, im Frühlingstanz,
Noch der frohe Knabe;
Morgen weht der Totenkranz
Schon auf seinem Grabe,

Wonne führt die junge Braut
Heute zum Altäre;
Eh die Abendwolke taut,
Ruht sie auf der Bahre.

Ungewisser, kurzer Dau’r
Ist dies Erdeleben;
Und zur Freude, nicht zur Trau’r
Uns von Gott gegeben.

Gebet Harm und Grillenfang,
Gebet ihn den Winden;
Ruht, bei frohem Becherklang,
Unter grünen Linden.

Lasset keine Nachtigall
Unbehorcht verstummen;
Keine Bien, im Frühlingstal,
Unbelauschet summen.

Fühlt, solang es Gott erlaubt,
Kuß und süße Trauben,
Bis der Tod, der alles raubt,
Kommt, sie auch zu rauben.

Unser schlummerndes Gebein,
In die Gruft gesäet,
Fühlet nicht den Rosenhain,
Der das Grab umwehet.

Fühlet nicht den Wonneklang
Angestoßner Becher;
Nicht den frohen Rundgesang
Weingelehrter Zecher.


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