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2015-01-19

Goethe: Tages- und Jahreshefte 1796



1796

Die Weimarische Bühne war nun schon so besetzt und befestigt, daß es in diesem Jahre keiner neuen Schauspieler bedurfte. Zum größten Vorteil derselben trat Iffland im März und April vierzehnmal auf. Außer einem solchen belehrenden, hinreißenden, unschätzbaren Beispiele wurden diese Vorstellungen bedeutender Stücke Grund eines dauerhaften Repertoriums und ein Anlaß das Wünschenswerte näher zu kennen. Schiller, der an dem Vorhandenen immer fest hielt, redigierte zu diesem Zweck den Egmont, der zum Schluß der inländischen Gastrollen gegeben ward, ungefähr wie er noch auf deutschen Bühnen vorgestellt wird.

Überhaupt finden sich hier, rücksichtlich auf das deutsche Theater, die merkwürdigsten Anfänge. Schiller der schon in seinem Carlos sich einer gewissen Mäßigkeit befliß und durch Redaktion dieses Stücks fürs Theater zu einer beschränkteren Form gewöhnte, hatte nun den Gegenstand von Wallenstein aufgefasst und den grenzenlosen Stoff in der Geschichte des Dreißigjährigen Kriegs dergestalt behandelt, daß er sich als Herrn dieser Masse gar wohl empfinden mochte. Aber eben durch diese Fülle ward eine strengere Behandlung peinlich, wovon ich Zeuge sein konnte, weil er sich über alles, was er dichterisch vor hatte, mit andern gern besprach und was zu tun sein mochte hin und wieder überlegte.

Bei dem unablässigen Tun und Treiben was zwischen uns stattfand, bei der entschiedenen Lust das Theater kräftig zu beleben, ward ich angeregt den Faust wieder hervorzunehmen;  allein was ich auch tat, ich entfernte ihn mehr vom Theater als daß ich ihn herangebracht hätte.

Die Horen gingen indessen fort, mein Anteil blieb derselbige; doch hatte Schillers grenzenlose Tätigkeit den Gedanken eines Musenalmanachs gefaßt, einer poetischen Sammlung, die jener, meist prosaischen, vorteilhaft zur Seite stehen konnte. Auch hier war ihm das Zutrauen seiner Landsleute günstig. Die guten strebsamen Köpfe neigten sich zu ihm. Er schickte sich übrigens trefflich zu einem solchen Redakteur; den innern Wert eines Gedichts übersah er gleich, und wenn der Verfasser sich zu weitläufig ausgetan hatte, oder nicht endigen konnte, wußte er das Überflüssige schnell auszusondern. Ich sah ihn wohl ein Gedicht auf ein Dritteil Strophen reduzieren, wodurch es wirklich brauchbar ward, ja bedeutend. Ich selbst ward seiner Aufmunterung viel schuldig, wovon die Horen und Almanache vollgültiges Zeugnis abgeben. Alexis und Dora, Braut von Korinth, Gott und Bajadere wurden hier ausgeführt oder entworfen. Die Xenien, die aus unschuldigen, ja gleichgültigen Anfängen sich nach und nach zum Herbsten und Schärfsten hinaufsteigerten, unterhielten uns viele Monate und machten, als der Almanach erschien, noch in diesem Jahre die größte Bewegung und Erschütterung in der deutschen Literatur. Sie wurden, als höchster Mißbrauch der Preßfreiheit, von dem Publikum verdammt. Die Wirkung aber bleibt unberechenbar.

Einer höchst lieb- und werten, aber auch schwer lastenden Bürde entledigte ich mich gegen Ende Augusts. Die Reinschrift des letzten Buches von Wilhelm Meister ging endlich ab an den Verleger. Seit sechs Jahren hatte ich Ernst gemacht diese frühe Konzeption auszubilden, zurecht zu stellen und dem Drucke nach und nach zu übergeben. Es bleibt daher dieses eine der inkalkulabelsten Produktionen, mag man sie im ganzen oder in ihren Teilen betrachten; ja um sie zu beurteilen fehlt mir beinahe selbst der Maßstab.

Kaum aber hatte ich mich durch sukzessive Herausgabe davon befreit als ich mir eine neue Last auflegte, die jedoch leichter zu tragen, oder vielmehr keine Last war, weil sie gewisse Vorstellungen, Gefühle, Begriffe der Zeit auszusprechen Gelegenheit gab. Der Plan von Hermann und Dorothea war gleichzeitig mit den Tagesläuften ausgedacht und entwickelt, die Ausführung ward während des Septembers begonnen und vollbracht, so daß sie Freunden schon produziert werde konnte. Mit Leichtigkeit und Behagen war das Gedicht geschrieben, und es teilte diese Empfindungen mit. Mich selbst hatte Gegenstand und Ausführung dergestalt durchdrungen, daß ich das Gedicht niemals ohne große Rührung vorlesen konnte, und dieselbe Wirkung ist mir seit so viel Jahren noch immer geblieben.

Freund Meyer schrieb fleißig aus Italien gewichtige Blätter. Meine Vorbereitung ihm zu folgen nötigte mich zu mannigfaltigen Studien, deren Aktenstücke mir noch gegenwärtig vielen Nutzen bringen. Als ich mich in die Kunstgeschichte von Florenz einarbeitete, ward mir Cellini wichtig, und ich faßte, um mich dort recht einzubürgern, gern den Entschluß seine Selbstbiographie zu übersetzen; besonders weil sie Schillern zu den Horen brauchbar schien.

Auch die Naturwissenschaften gingen nicht leer aus. Den Sommer über fand ich die schönste Gelegenheit Pflanzen unter farbigen Gläsern und ganz im Finstern zu erziehen, sowie die Metamorphose der Insekten in ihren Einzelnheiten zu verfolgen. Galvanismus und Chemismus drängten sich auf; die Chromatik ward zwischen allem durch getrieben; und um mir den großen Vorteil der Vergegenwärtigung zu gewähren, fand sich eine edle Gesellschaft, welche Vorträge dieser Art gern anhören mochte.

Im Auswärtigen beharrt Kursachsen auf seiner Anhänglichkeit an Kaiser und Reich, und will in diesem Sinne sein Kontingent marschieren lassen. Auch unsere Mannschaft rüstet sich; die Kosten hierzu geben manches zu bedenken.

Im großen Weltwesen ereignet sich, daß die hinterbliebene Tochter Ludwigs XVI., Prinzessin Marie Theresie Charlotte, bisher in den Händen der Republikaner, gegen gefangene französische Generale ausgewechselt wird, ingleichen daß der Papst seinen Waffenstillstand teuer erkauft.

Die Österreicher gehen über die Lahn zurück, bestehen bei Annäherung der Franzosen auf dem Besitz von Frankfurt, die Stadt wird bombardiert, die Judengasse zum Teil verbrannt, sonst wenig geschadet, worauf denn die Übergabe erfolgt. Meine gute Mutter, in ihrem schönen neuen Quartiere an der Hauptwache, hat gerade die Zeil hinaufschauend den bedrohten und beschädigten Teil vor Augen, sie rettet ihre Habseligkeiten in feuerfeste Keller, und flüchtet über die freigelassene Mainbrücke nach Offenbach. Ihr Brief deshalb verdient beigelegt zu werden.

Der Kurfürst von Mainz geht nach Heiligenstadt, der Aufenthalt des Landgrafen von Darmstadt bleibt einige Zeit unbekannt, die Frankfurter flüchten, meine Mutter hält aus. Wir leben in einer eingeschläferten Furchtsamkeit. In den Rhein und Maingegenden fortwährende Unruhen und Flucht. Frau von Coudenhoven verweilt in Eisenach, und so durch Flüchtlinge, Briefe, Boten, Stafetten strömt der Kriegsalarm ein- und das anderemal bis zu uns; doch bestätigt sich nach und nach die Hoffnung, daß wir in dem Augenblicke nichts zu fürchten haben, und wir halten uns für geborgen.

Der König von Preußen, bei einiger Veranlassung, schreibt von Pyrmont an den Herzog, mit diplomatischer Gewandtheit den Beitritt zur Neutralität vorbereitend und den Schritt erleichternd. Furcht, Sorge, Verwirrung dauert fort, endlich erklärt sich Kursachsen zur Neutralität, erst vorläufig, dann entschieden, die Verhandlungen deshalb mit Preußen werden auch uns bekannt.

Doch kaum scheinen wir durch solche Sicherheit beruhigt, so gewinnen die Österreicher abermals die Oberhand. Moreau zieht sich zurück, alle königisch Gesinnte bedauern die Übereilung zu der man sich hatte hinreißen lassen, die Gerüchte vermehren sich zum Nachteil der Franzosen, Moreau wird zur Seite verfolgt und beobachtet, schon sagt man ihn eingeschlossen; auch Jourdan zieht sich zurück, und man ist in Verzweiflung daß man sich allzufrühzeitig gerettet habe.

Eine Gesellschaft hochgebildeter Männer, welche sich jeden Freitag bei mir versammelten, bestätigte sich mehr und mehr. Ich las einen Gesang der Ilias von Voß, erwarb mir Beifall, dem Gedicht hohen Anteil, rühmliches Anerkennen dem Übersetzer. Ein jedes Mitglied gab von seinen Geschäften, Arbeiten, Liebhabereien, beliebige Kenntnis, mit freimütigem Anteil aufgenommen. Dr. Buchholz fuhr fort die neusten physisch-chemischen Erfahrungen mit Gewandtheit und Glück vorzulegen. Nichts war ausgeschlossen, und das Gefühl der Teilhaber, welches Fremde sogar in sich aufnahmen, hielt von selbst alles ab, was einigermaßen hätte lästig sein können. Akademische Lehrer gesellten sich hinzu, und wie fruchtbar diese Anstalt selbst für die Universität geworden, geht aus dem einzigen Beispiel schon genugsam hervor, daß der Herzog, der in einer solchen Sitzung eine Vorlesung des Doktor Christian Wilhelm Hufeland angehört, sogleich beschloß ihm eine Professur in Jena zu erteilen, wo derselbe sich durch mannigfache Tätigkeit zu einem immer zunehmenden Wirkungskreise vorzubereiten wußte.

Diese Sozietät war in dem Grade reguliert, daß meine Abwesenheit zu keiner Störung Anlaß gab, vielmehr übernahm Geheimerat Voigt die Leitung, und wir hatten uns mehrere Jahre der Folgen einer gemeinsam geregelten Tätigkeit zu erfreuen.

Und so sahen wir denn auch unsern trefflichen Batsch dieses Jahr in tätiger Zufriedenheit. Der edle, reine, aus sich selbst arbeitende Mann bedurfte, gleich einer saftigen Pflanze, weder vieles Erdreich noch starke Bewässerung, da er die Fähigkeit besaß aus der Atmosphäre sich die besten Nahrungsstoffe zuzueignen.

Von diesem schönen stillen Wirken zeugen noch heut seine Schreiben und Berichte, wie er sich an seinem mäßigen Glashause begnügt und durch das allgemeine Zutrauen gleichzeitiger Naturforscher die Achtung seiner Sozietät wachsen und ihren Besitz sich erweitern sieht; wie er denn auch bei solchen Gelegenheiten seine Vorsätze vertraulich mitteilte, nicht weniger seine Hoffnungen mit bescheidener Zuversicht vortrug.

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