> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 27.04.1798 (453)

2015-02-27

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 27.04.1798 (453)


AN GOETHE 

Jena, 27. April 1798

Ich sende Ihnen hier Cottas Antwort auf meine Anfrage wegen der zu verlegenden kleinen Abhandlungen. Es ist ihm, wie Sie sehen, zu viel daran gelegen, etwas von Ihnen zum Verlag zu bekommen, als daß er seine Desideria und Wünsche bei diesem Werke ganz offen hätte heraussagen sollen. Soviel aber zeigt sich, daß er bei diesem überwiegendfen kunstwissenschaftlichen Inhalt ein zu eingeschränktes Publikum fürchtet und deswegen einen mehr allgemeinen Inhalt wünscht. Ich kann ihm darin vom buchhändlerischen Standpunkt aus gar nicht unrecht geben, da aber auf der andern Seite von dem Plane des Werks nichts erlassen werden kann, so wäre mein Vorschlag, ihm die Exspektanz auf Ihr nächstes poetisches Werk, etwa den Faust, zu geben oder es ihm lieber gleich zu verakkordieren. Wenn ich bei dieser Gelegenheit einen Vorschlag zu tun hätte, so würde ich für den Bogen der theoretischen Abhandlungen, ungefähr gedruckt wie Meisters Lehrjahre, 4 Louisd’or und für den Bogen vom Faust 8 Louisd’or zu fordern raten. Wenn Sie aber denken, daß Unger oder Vieweg besser bezahlen, so kann Cotta es auch, und ich erwarte nur, daß Sie ein Gebot tun, so will ich es Cotta, der jetzt in Leipzig ist, sogleich melden.  

Wie ich höre so spielt Iffland heute Pygmalion. Daß er seinen Kalkül auf das Publikum wohl zu machen verstehe , habe ich nie gezweifelt. Er wird auch in dieser Rolle bedeutend und verständig sein, aber ich kann darum meine Meinung nicht ändern und der Erfolg wird mich nicht widerlegen.

Mit meiner Gesundheit geht es jetzt von Tag zu Tag besser, doch habe ich noch keine Stimmung zu meiner Arbeit finden können. Dafür lese ich in diesen Tagen den Homer mit einem ganz neuen Vergnügen, wozu die Winke, die Sie mir darüber gegeben, nicht wenig beitragen. Man schwimmt ordentlich in einem poetischen Meere; aus dieser Stimmung fällt man auch in keinem einzigen Punkte, und alles ist ideal bei der sinnlichsten Wahrheit. Übrigens muß einem, wenn man sich in einige Gesänge hineingelesen hat, der Gedanke an eine rhapsodische Aneinanderreihung und an einen verschiedenen Ursprung notwendig barbarisch Vorkommen: denn die herrliche Kontinuität und Reziprozität des Ganzen und seiner Teile ist eine seiner wirksamsten Schönheiten.     

Die unterstrichene Stelle in Humboldts Briefe den ich Ihnen zurücksende, ist ihm vermutlich selbst noch nicht so recht klar gewesen, und dann scheint das Ganze mehr eine Anschauung als einen deutlichen Begriff auszusprechen. Er will, däucht mir, überhaupt nur sagen, daß das Gemeinsame, folglich Nationelle, in den Franzosen sowohl in ihren gewöhnlichen Erscheinungen als in ihren Vorzügen und Verirrungen eine Wirksamkeit des Verstandes und seiner Adhärenzien, nämlich des Witzes, der Beobachtung etc. sei, ohne verhältnismäßige Mitwirkung des Ideenvermögens, und daß sie mehr physisch als moralisch rührbar seien. Das ist keine Frage daß sie bessere Realisten als Idealisten sind, und ich nehme daraus ein siegendes Argument, daß der Realism keinen Poeten machen kann.

Leben Sie recht wohl für heute, und möchten Sie in dem Gewühl von Menschen, das Sie jetzt öfters umgibt, sich recht angenehm unterhalten.

Sch.
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