> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 26.01.1798 (412)

2015-02-24

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 26.01.1798 (412)



AN GOETHE 

Jena, 26. Januar 1798

Eben habe ich das Todesurteil der drei Göttinnen Eunomia, Dike und Irene förmlich unterschrieben. Weihen Sie diesen edlen Toten eine fromme christliche Träne, die Kondolenz aber wird verbeten.

Cotta hatte schon voriges Jahr nur eben die Kosten wieder und wollte sie auch noch dieses Jahr so vegetieren lassen, aber ich sah wirklich keine entfernte Möglichkeit, sie zu kontinuieren, weil es uns ganz und gar an Mitarbeitern fehlt, auf die man sich verlassen kann und ich, ohne eigentlichen reellen Geldgewinn, ewige Sorge und kleinliche Geschäfte bei dieser Redaktion hatte, wovon ich mich durch einen entschlossenen Schritt befreien mußte.

Wir werden, wie sich’s von selbst versteht, beim Aufhören keinen Eklat machen, und da sich die Erscheinung des zwölften Stücks 1797 ohnehin bis in den März verzögert, so werden den sie von selbst selig einschlafen. Sonst hätten wir auch in dieses zwölfte Stück einen tollen politisch-religiösen Aufsatz können setzen lassen, der ein Verbot der Horen veranlaßt hätte, und wenn Sie mir einen solchen wissen, so ist noch Platz dafür.

Mit meiner Gesundheit geht es zwar seit gestern wieder besser, aber die Stimmung zur Arbeit hat sich noch nicht wiedereingefunden. Unterdessen habe ich mir mit Niebuhrs und Volneys Reise nach Syrien und Ägypten die Zeit vertrieben, und ich rate wirklich jedem, der bei den jetzigen schlechten politischen Aspekten den Mut verliert, eine solche Lektüre; denn erst so sieht man, welche Wohltat es bei alledem ist, in Europa geboren zu sein. Es ist doch wirklich unbegreiflich, daß die belebende Kraft im Menschen nur in einem so kleinen Teil der Welt wirksam ist und jene ungeheuren Völkermassen für die menschliche Perfektibilität ganz und gar nicht zählen. Besonders merkwürdig ist es mir, daß es jenen Nationen und überhaupt allen Nicht-Europäern auf der Erde nicht sowohl an moralischen als an ästhetischen Anlagen gänzlich fehlt. Der Realism, sowie auch der Idealism, zeigt sich bei ihnen, aber beide Anlagen fließen niemals in eine menschlich schöne Form zusammen. Ich hielte es wirklich für absolut unmöglich, den Stoff zu einem epischen oder tragischen Gedicht ein diesen Völkermassen zu finden oder einen solchen dahin zu verlegen .     

Leben Sie wohl für heute. Meine Frau grüßt Sie bestens.

Sch.
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