> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 23.01.1798 (410)

2015-02-24

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 23.01.1798 (410)



 AN GOETHE

Jena den 23. Januar 1798.

Ich bin meines Halsübels doch nicht so leicht los geworden, wie ich's in meinem letzten Brief glaubte versichern zu können. Noch heute plagt es mich und da das Übel gerade den Kopf einnimmt, so macht es mich ungeduldiger als sonst meine Krämpfe tun. Es ist mir in diesem Zeitpunkt doppelt lästig, da ich gerade im besten Zuge war, und vor Ihrer Ankunft noch eine gute Station zurückzulegen dachte.

Das kleine Schema zu einer Geschichte der Optik enthält viele bedeutende Grundzüge einer allgemeinen Geschichte der Wissenschaft und des menschlichen Denkens, und wenn Sie sie ausführen sollten, so müßten sich viele philosophische Bemerkungen machen lassen. Der deutsche Geist würde aber nicht zu seinem Vorteil dabei erscheinen, wenn nicht die Entwicklung antizipiert wird. Es ist doch eigen daß sich die Lebhaftigkeit der Franzosen so bald einschüchtern und ermüden ließ. Man möchte sagen daß es doch mehr die Passion, als Liebe zur Sache war, was den Widerspruch der Franzosen nährte; sonst würden sie der Autorität nicht nachgegeben haben. Den Deutschen hält die Autorität und ein dogmatischer Irrtum lange nieder, aber endlich pflegt doch bei ihm seine natürliche Objektivität und sein Ernst an der Sache zu siegen, und gewöhnlich ist Er es doch, der für die Wissenschaft erntet.

Es ist gar keine Frage, daß Sie das Mögliche für Ihr Geschäft tun und eine so weit schon geführte Sache zu einem gewünschten Ende bringen müssen; denn daß Sie endlich durchdringen werden, ist mir keinen Augenblick zweifelhaft. Ich glaube aber, Sie tun wohl, wenn Sie jetzt, nachdem Sie vergebens auf einen Begleiter und Mitforscher gewartet haben, sich auch nach keinem mehr umsehen und Ihr Geschäft still für sich selbst vollenden, um alsdann mit dem fertigen, so weit es auf Ihrem Wege sich bringen läßt, auf einmal hervorzutreten . Das erst entstehende imponiert, scheint es, den Deutschen nicht; es reizt sie vielmehr und macht sie eigensinnig, wenn man ihre Dogmata bloß erschüttert, ohne sie ganz und gar umzureißen. Ein völlig fertiges Ganzes und ein methodisch ernstlicher Angriff hingegen überwältigt den Eigensinn und bringt die natürliche und angeborne Sachliebe des Deutschen auf die Seite des Gegners. So denke ich mir die Sache, und wenn Sie in drei, vier Jahren Ihre ausführliche und methodische Darlegung vor das Publikum bringen, so wird man gewiß Folgen davon sehen. Unterdessen verläuft sich auch in etwas diese chemische Sintflut und ein neues Interesse gewinnt Platz.

Böttiger höre ich wollte über den Vandalism der Franzosen, bei Gelegenheit der so schlecht transportierten Kunstwerke einen Aufsatz schreiben. Ich wünschte er thäte es und sammelte alle dahin einschlagende Züge von Rohheit und Leichtsinnigkeit. Ermuntern Sie ihn doch und verschaffen mir alsdann den Aufsatz für die Horen.

Cotta mag immer aus derselben Druckerpresse kalt und warm blasen.

Leben Sie recht wohl. Heute über acht Tagen hoffe ich Sie hier zu sehen.

Sch.
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