> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 18.06.1797 (325)

2015-02-18

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 18.06.1797 (325)


AN GOETHE 





AN GOETHE

Jena den 18. Juni 1797

Seit Ihrer Entfernung habe ich schon einen Vorschmack: der großen Einsamkeit, in die mich Ihre völlige Abreise versetzen wird. Glücklicherweise ist mir das Wetter jetzt günstig, und ich kann viel im Freien leben. Unterdessen beschäftigte mich der Vieilleville, denn die Stunden drängen sehr; doch habe ich auch etwas Weniges poetisiert: ein kleines Nachstück zum Taucher, wozu ich durch eine Anekdote in S. Foix Essay sur Paris aufgemuntert wurde.

Ich sehe einer poetischen Tätigkeit jetzt mit rechter Lust entgegen und hoffe in den zwei nächsten Monaten auch etwas zustande zu bringen.

Die Entscheidung, ob Sie weiter gehen werden als nach der Schweiz, ist auch mir wichtig, und ich erwarte sie mit Ungeduld. Je mehr Verhältnissen ich jetzt abgestorben bin, einen desto großem Einfluß haben die wenigen auf meinen Zustand, und den entscheidendsten hat Ihre lebendige Gegenwart. Die letzten vier Wochen haben wieder vieles in mir bauen und gründen helfen. Sie gewöhnen mir immer mehr die Tendenz ab (die in allem Praktischen und besonders Poetischen eine Unart ist), vom Allgemeinen zum Individuellen zu gehen, und führen mich umgekehrt von einzelnen Fällen zu großen Gesetzen fort. Der Punkt ist immer klein und eng, von dem Sie auszugehen pflegen, aber er führt mich ins Weite und macht mir dadurch in meiner Natur wohl, anstatt daß ich auf dem andern Weg, dem ich, mir selbst überlassen, so gerne folge, immer vom Weiten ins Enge komme und das unangenehme Gefühl habe, mich am Ende ärmer zu sehen als am Anfang.

Von Humboldt habe ich noch immer keine Nachricht, er scheint noch nicht in Dresden angekommen zu sein, weil mir auch Körner nichts von ihm zu schreiben wußte. Jener Herr von Senf, den Ihnen Körner angemeldet, wird nicht in unsre Gegend kommen; er hat kürzlich eine Verhinderung erhalten.

Heute Abend ging meine Frau mit Wolzogen, der hier war, auf etliche Tage nach Weimar. Mich läßt der Vieilleville diese Woche nicht vom Platz.

Vergessen Sie doch nicht, mir den Chor aus Prometheus zu schicken.

Leben Sie recht wohl. Ich sehne mich bald wieder von Ihnen zu hören.

Sch.
                                                           


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